Pfungstadt (rd). Mit seinem neuen Bühnenprogramm „Darüber kann ich nicht lachen“ begeisterte unlängst der bekannte Schauspieler und Satiriker Hans-Joachim Heist rund 350 Besucher und Besucherinnen in der Sport- und Kulturhalle und zeigte dabei, dass Humor manchmal mehr bewegen kann als laute Debatten.
Es gibt Abende, die bleiben länger im Gedächtnis als andere. Nicht nur wegen der Lacher. Sondern weil zwischen Humor, Literatur und leisen Zwischentönen plötzlich etwas entsteht, das Menschen verbindet. Genauso ein Abend war die Premiere von „Darüber kann ich nicht lachen“. Viele kennen „Hajo“ Heist vor allem als cholerischen „Gernot Hassknecht“ aus der „Heute Show“. Laut, wütend, polternd, eine Kunstfigur, die seit Jahren Kultstatus besitzt. Doch wer an diesem Abend reine Comedy erwartete, bekam deutlich mehr geboten. Heist präsentierte sich als Erzähler, Schauspieler und feiner Beobachter menschlicher Schwächen. Dass die Premiere ausgerechnet in Pfungstadt stattfand, war kein Zufall. Seit rund 40 Jahren lebt Heist in der Stadt, was dem Abend eine entsprechend persönliche Note gab.
Zwischen Tucholsky und Kästner
Der Titel des Programms ist bewusst ironisch gewählt. Denn gelacht wurde an diesem Abend viel. Gleichzeitig schwang immer wieder ein nachdenklicher Unterton mit. Heist verband Literatur und politische Satire mit gesellschaftlichen Beobachtungen. Bereits zu Beginn griff Heist Texte von Fritz Eckenga auf, der sich in seiner satirischen Kolumne „Schlechte Stimmung? Ja, selbstverständlich!“ mit gesellschaftlicher Gereiztheit, Konsumdruck und dem rauer werdenden Ton der Gegenwart auseinandersetzt. Des Weiteren verarbeitete „Hajo“ Heist Texte aus Werken von etwa Joachim Ringelnatz, Heinz Erhardt, Kurt Tucholsky und Erich Kästner.
„Sag mal, verehrtes Publikum: bist du wirklich so dumm? So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät, immer weniger zu lesen steht? Aus lauter Furcht, du könntest verletzt sein; aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein;“, zitierte Heist aus Kurt Tucholskys „An das Publikum“, 1931 in der späten Zeit der Weimarer Republik geschrieben. Die im Gedicht geäußerte Gesellschafts- und Medienkritik wirkt auch heute noch erstaunlich modern.
Erich Kästner zeigt in „Die Entwicklung der Menschheit“, dass die Menschen zwar technisch riesen Fortschritte gemacht haben, „doch davon mal abgesehen und bei Lichte betrachtet sind sie im Grund noch immer die alten Affen“, gab Hans-Joachim Heist satirisch wieder. Gerade diese Texte zeigten, wie zeitlos Satire sein kann, wenn sie nicht nur auf Pointen zielt, sondern auf Erkenntnis.
Humor, der wach macht
Heist las die Texte nicht einfach vor. Er spielte sie. Mit Stimme, Mimik und feinem Gespür für Pausen verwandelte er Literatur in kleine Bühnenszenen. Immer wieder wechselte er zwischen ruhigen, beinahe poetischen Momenten und den lauteren Passagen, die viele Zuschauer mit „Hassknecht“ verbinden. Auch bei Heinz Erhardt verwies Heist auf gesellschaftskritische Untertöne. Sätze wie „Kastriere die Dummheit und die Menschheit stirbt aus“ sorgten für Lacher, aber auch für nachdenkliche Blicke. Genau darin lag die Stärke des Abends: Humor wurde nicht zum bloßen Zeitvertreib, sondern zum Spiegel.
Zum Abschluss zeigte sich schließlich auch der bekannte Gernot Hassknecht. Mit seinen wütenden Beschwerdebriefen nahm Heist politische Entwicklungen, gesellschaftliche Polarisierung und internationale Konflikte ins Visier. Die Wut war dabei überzeichnet, aber nie beliebig. Hinter dem Poltern stand Haltung.
Ein Publikum, das sich wiederfand
Die Resonanz im Saal war spürbar. Viele lachten laut, andere nickten still, manche wirkten sichtbar berührt von der Aktualität alter Texte. „Ich bin Musiker und kenne ihn schon zig Jahre“, erzählte der Besucher Günter Sannert in der Pause. „Wir haben auch schon zusammen auf der Bühne gestanden.“ Gerade dieser persönliche Blick machte deutlich, wie sehr Heist nicht nur als Fernsehfigur wahrgenommen wird, sondern auch als Bühnenmensch mit langer künstlerischer Geschichte.
Kultur gehört nicht nur in die Großstadt
Für Veranstalter Udo Stoye war die Premiere zugleich ein starkes Zeichen für Pfungstadt als Kulturort. Mit seiner 2021 gegründeten Reihe ESB-Events verfolgt er das Ziel, Kultur bewusst nach Pfungstadt zu holen und auch kleineren oder noch weniger bekannten Künstlern eine Bühne zu geben. „Wenn man Kultur erleben will, heißt es oft: Dann musst du nach Darmstadt fahren. Das glaube ich nicht“, sagte Stoye im Gespräch. Pfungstadt habe schöne Spielorte und ein Publikum, das Lust auf Kultur habe. Gerade Künstler, die noch keinen großen Namen haben, bräuchten Orte, an denen sie sich ausprobieren und wachsen können. Dass er diesen Abend für seinen langjährigen Freund Hans-Joachim Heist ausrichten durfte, erfüllte ihn mit großer Freude und auch Stolz.
Ein Abend, der nachhallt
Vielleicht war genau das die größte Stärke dieses Programms: Es wollte nicht belehren. Nicht spalten. Nicht laut provozieren um jeden Preis. Sondern mit Humor daran erinnern, menschlich zu bleiben, genauer hinzuschauen und Gleichgültigkeit nicht einfach hinzunehmen.
Hans-Joachim Heist zeigte in Pfungstadt, dass Satire mehr sein kann als ein schneller Lacher. Sie kann trösten, reizen, verbinden und zum Denken anregen. Am Ende dankte das Publikum mit langem Applaus. Viele Besucherinnen und Besucher verließen die Halle lachend und gleichzeitig ein kleines bisschen nachdenklicher als zuvor.
