Gernsheim (hst). Wer Hebamme wird, arbeitet in den allermeisten Fällen in seinem Traumberuf. Für viele Frauen – und mittlerweile auch Männer – ist die Betreuung von Schwangeren und die Geburt neuen Lebens etwas Magisches und Einzigartiges. So auch für Nicole Sudheimer (50) und Kathrin Weiser (42). Nicole Sudheimer ist seit elf Jahren Hebamme, Kathrin Weiser seit 19 Jahren. Noch bis zum 1. Januar des kommenden Jahres ist auch die Hebamme Sophia Jungmann im Ella-Team, bevor sie in eine einjährige Pause geht.
Seit vier Jahren arbeiten sie in Gernsheim im Ärztehaus in der Robert-Koch-Straße 7 in ihrer eigenen Praxis „Ella Hebammen“. Hier betreuen die beiden Hebammen jährlich rund 200 Frauen und ihre Familien aus der ganzen Region. Jetzt stehen sie vor ernsten wirtschaftlichen Problemen, denn in den vergangenen Jahren haben sich die monatlichen Kosten für freiberufliche Hebammen, also solche, die nicht in Festanstellung in einer Klinik arbeiten, dramatisch erhöht.
Wichtig, aber teuer: Fortbildungen auf eigene Kosten
„Es ist gut, dass der Hebammenberuf mittlerweile durch ein Bachelorstudium auch auf wissenschaftlichere Füße gestellt worden ist. Dazu kommen aber noch viele erforderliche Weiter- und Fortbildungen. Wir müssen uns immer auf den neuesten Stand bringen, und das ist sehr kostenintensiv“, sagt Kathrin Weiser. Ihr ist es wichtig, dass sie ihre Frauen bestmöglich betreuen kann, aber „die Bürokratie raubt allen die Kraft“, sagt sie.
Allein die Abrechnungen seien so kompliziert und zeitaufwendig, dass viele Hebammen aufgegeben hätten. Denn sie erhalten nicht pro Geburt den Zeitaufwand erstattet, sondern sogenannte Pauschalen, die in vielen Fällen nicht ausreichen würden. Betreut sie mehr als eine Frau, dann verringert sich schon ab der zweiten Frau diese Pauschale von 80 auf 30 Prozent, für die vierte Frau erhält sie gar keine Vergütung mehr. „Und von einer 40-Stundenwoche sprechen wir schon lange nicht mehr. Wir können uns eine Praxis wie die Ella Hebammenpraxis aber eigentlich nur ‚leisten‘, wenn wir 60 bis 70 Stunden in der Woche arbeiten. Und das geht auf Dauer einfach nicht“, sagen Weiser und Sudheimer.
Mehr Beratungen, weniger Einnahmen
„Wir sind eine Anlaufstelle für junge Familien, die wir von Beginn der Schwangerschaft teilweise über 1,5 Jahre betreuen. Um Freude und Kummer aushalten zu können, wäre es schön, wenn wir besser bezahlt würden“, sagen beide Hebammen. Denn alles, was an vielen kleinen Stellschrauben gekürzt und gestrichen werde, belaste ihren Berufsstand enorm. Unter anderem sei beim Hebammenhilfevertrag von November 2025 festgeschrieben worden, dass die Hebammen den Frauen, die beim Geburtsvorbereitungskurs trotz Anmeldung nicht kommen würden, keine Ausfallsentschädigung mehr in Rechnung gestellt werden dürfe. „Und das prüft die GKV auch akribisch“, sagt Nicole Sudheimer, „unter anderem auf den Webseiten der Hebammen.“ Auch von der GKV erhielten sie keine Ausfallsentschädigung, so dass sie immer weniger verdienen würden. Und das sei nur ein Beispiel von vielen Kürzungen. Dazu würden elektronische Beratungen nicht mehr vergütet, telefonische Beratungen nur noch unter ganz bestimmten Bedingungen.
„Unser Beruf dient der präventiven Gesundherhaltung von Frauen, Kindern und den Familien. Und dafür sind wir ‚günstig‘. Wir machen nur 0,26 Prozent der gesamten Krankenkassenkosten in Deutschland aus“, sagt Kathrin Weiser. Und sie würden dem Gesundheitssystem dazu noch Geld sparen, denn je früher ein Problem erkannt und behandelt werde, desto weniger würde es die Krankenkassen schlussendlich kosten. „Eigentlich ist es ein Kampf gegen Windmühlen, und so sollte es nicht sein“, sagen beide Frauen einhellig.
Den weiteren Verbleib der Ella Hebammenpraxis im Ärztehaus sehen beide mit Sorge, denn so gerne sie diesen Standort auch wegen seiner unmittelbaren Nachbarschaft zu einer Gynäkologischen Praxis und einer Apotheke beibehalten möchten, die Einnahmen würden kaum alle Aufwendungen für Praxis und den Lebensunterhalt decken. Auch wenn die Stadt ihnen wohlgesonnen sei und dankenswerterweise einen Teil der Miete übernähme, bleibe es eine angespannte Situation im Ärztehaus.
Eine neue Kollegin kommt im neuen Jahr
Eine gute Nachricht haben die beiden engagierten Frauen aber auch zu vermelden: Ab dem 1. Januar 2027 ergänzt eine neue Kollegin ihr Team: „Mit Simona Maggiore erhalten wir eine wunderbare Unterstützung“, freuen sie sich. Die 36-jährige Hebamme aus Stockstadt wird dann zusammen mit Kathrin Weiser und Nicole Sudheimer für eine wohnortnahe Hebammenversorgung Sorge tragen, so lange es möglich ist. „Wir benötigen rund 120 Quadratmeter, um unsere Kurse und Angebote aufrechterhalten zu können“, sagen sie. Und gut erreichbar müsse die Praxis auch sein, vor für allem für Schwangere und Eltern mit Kinderwagen. Beide hoffen, dass es ihnen gelingt, weiter im Ärztehaus die Familien betreuen zu können. Wenn das nicht möglich sein sollte, hoffen sie darauf, eine andere Lokalität in Gernsheim zu finden, in der sie ihrem Traumberuf Hebamme weiter ausüben können.
