Region (ps). Die christlichen Kirchen sind, historisch betrachtet, nicht unbedingt als Befürworter für die Rechte von Frauen oder sexuellen Minderheiten bekannt. Die Frage nach dem richtigen Umgang mit Homosexualität und queeren Menschen sorgt immer wieder für kontroverse Auseinandersetzungen in christlichen Kreisen, aber beileibe nicht nur dort. Dass sich christlicher Glaube und queerer Feminismus nicht ausschließen, ist die Überzeugung von Maike Schöfer. Die 1989 in Seeheim-Jugenheim geborene evangelische Pfarrerin hat kürzlich beim Piper Verlag ihr Buch „Nö – eine Anstiftung zum Neinsagen“ veröffentlicht und darin klar Position als gläubige Christin und queere Person bezogen.
„Ich komme nicht aus einer stark christlich geprägten Familie“, erklärt Maike Schöfer auf Anfrage der Redaktion. „Ich wurde zwar getauft und konfirmiert, weil man es eben so macht, aber in meiner Familie wurde nicht am Esstisch gebetet und auch nicht über Gott, Glaube oder Kirche gesprochen.“ Das Pfarramt sei ihr also nicht in die Wiege gelegt worden, ebenso wenig die Arbeit in der Kirche oder ihr Aktivismus. „Dagegen hat mich das Arbeiter:innenumfeld meiner Familie geprägt.“ Ihr Studium der Evangelischen Religionspädagogik habe sie deshalb eher zufällig und ohne festgelegte Berufswünsche oder konkrete Zukunftspläne begonnen. „Das Studium hat mich und meinen Glauben einmal durchgerüttelt, eine starke Sehnsucht und Suche nach Gott entfacht und mich im Berliner Großstadtgewimmel aufgefangen“, so Schöfer. „Nie hätte ich als Kind oder Jugendliche gedacht, dass ich einmal Pfarrerin sein würde, dass ich mit Regenbogenfahne im Talar predigen und (m)einen Platz in der Kirche finden würde. Aber hier bin ich, fromm, feministisch, queer und freischnauze.“
Aufgewachsen ist Maike Schöfer in Niedersachsen und Bremen. Im Alter von 19 Jahren zog sie nach Berlin und studierte Evangelische Religionspädagogik an der Evangelischen Hochschule. Nach dem Studium hat die Mutter eines Sohnes sieben Jahre als Religionslehrerin gearbeitet, bevor sie schließlich mit etwa 30 Jahren ins Vikariat in der EKBO gegangen ist. Seit 2023 ist sie evangelische Pfarrerin in der evangelischen Kirchengemeinde Berlin-Adlershof.
„Mein Glaube macht mich feministisch“
„Im Studium stand ich zwischen den Stühlen, zwischen Feminismus und dem christlichen Glauben“, berichtet Schöfer. „Für meine feministischen Freund:innen war ich zu christlich und in Kirche und Studium begegneten mir kaum feministische Gedanken oder Personen.“ Doch dann entdeckte sie die Schriften feministischer Theologinnen, etwa von Dorothee Sölle oder Mary Daly. Dadurch habe sie begriffen, das Feminismus und der christliche Glaube zusammengehören. „Wenn wir Feminismus verstehen als ein Bestreben nach Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern, dann gehört er zum christlichen Glauben, dessen Kern ja Liebe, Frieden und Gerechtigkeit sind“, betont die Pfarrerin. „Ich würde also sagen, mein Glaube macht mich feministisch.“
Ihre Gemeinde steht hinter Maike Schöfer und unterstützt sie auch in ihrer queeren Identität, ihrem Alltag und ihrem Muttersein. „Dafür bin ich sehr dankbar“, betont die Pfarrerin. Dennoch bekommt sie auch Briefe, E-Mails und Kommentare auf Instagram von einzelnen Gemeindemitgliedern oder konservativen, freikirchlichen Christinnen und Christen, die sie und ihre Lebens- und Glaubensweise abwerten und angreifen. „Ich verstehe nur nicht, wie und warum das so gehasst wird. Denn ich zeige eben offen das echte Leben in seiner Buntheit, Vielschichtigkeit, in seiner Indifferenz und mit seinen Brüchen“, so Schöfer. „Queer sein, alleinerziehend sein oder eine Scheidung betreffen viele Menschen in unserer Gesellschaft, auch in der Kirche und auch in konservativen Kreisen.“ Gerade dann sollten Menschen doch begleitet und unterstützt werden, findet Schöfer. „So verstehe ich Gemeinschaft und Kirche: offene Arme, füreinander da sein und einander helfen.“
In der EKD fühlt sich Maike Schöfer mit ihrer Glaubens- und Lebensauffassung akzeptiert. „Es hat sich einiges getan für queere Menschen in der Evangelischen Kirche. Ich sehe die vielen engagierten Menschen, Initiativen und Projekte: es gibt Stellen in der Kirche für Queerbeauftragte, es gibt queere Gottesdienste, queere Bildungsarbeit, in vielen Landeskirchen die ‚Ehe für alle‘ und meine Landeskirche, die EKBO, unterstützt den Berliner CSD mit einem eigenen Truck unter dem Motto ‚Liebe tut der Seele gut‘.“ Die Kirche sei aber noch nicht überall ein „Safer Space“ für queere Menschen. „Es gibt weiterhin queerfeindliche Strukturen, Verordnungen und Denkweisen.“
Nächstenliebe und Gerechtigkeit gehören zusammen
Die in christlich-konservativen Kreisen häufig geäußerte Kritik, dass besonders die evangelische Kirche zu links oder progressiv eingestellt sei, teilt Schöfer nicht. „Wenn links und progressiv verstanden werden als das Streben nach sozialer Gerechtigkeit für alle Menschen, insbesondere für marginalisierte Menschen in unserer Gesellschaft und Kirche, dann erwarte ich diesen Einsatz sogar von meiner Kirche“, hebt Schöfer hervor. „Nebenbei bemerkt, hängen das Streben nach Gerechtigkeit und Nächstenliebe sogar eng miteinander zusammen, siehe Jesus in der Bibel!“ Beides seien Kernanliegen des evangelischen Glaubens. „In intersektional-feministischen Visionen und Utopien einer gerechteren Welt haben sogar konservative Lebensmodelle einen Platz. Die Frage ist, ob in konservativen Bestrebungen marginalisierte Menschen – behinderte Menschen, People of Colour, queere Menschen, Kinder, Alleinerziehende – und Lebensmodelle genauso Platz haben? Die Antwort auf diese Frage ist seit Jahrhunderten bekannt: Nein.“
So laut und konsequent hat Maike Schöfer ihre Positionen nicht immer vertreten. „Als Teenagerin fiel mir das Nein-Sagen gegen vermeintliche Konventionen noch leicht. Ich habe mit der Punk-Szene sympathisiert, mir die Haare bunt gefärbt und kaputte Hosen getragen“, erklärt die Pfarrerin. In späteren Jahren sei ihr die Fähigkeit, Nein zu sagen, jedoch abhandengekommen „Wenn es darum ging, echte Grenzen zu ziehen, zwischenmenschlich, bin ich eingeknickt.“ Mit Mitte 30 habe sie begonnen zu hinterfragen, warum sie dieses Nein einfach nicht rauslassen kann. „So ist die Idee zum Buch entstanden und ich habe viele Facetten rund um das Neinsagen entdeckt.“ Das größte Nein, das sie bisher ausgesprochen habe, sei das Nein zu ihrer ganz traditionell und kirchlich geschlossenen Ehe gewesen. „Das gesamte Buch ‚Nö‘ habe ich im Scheidungsprozess geschrieben.“
Gegen die Kultur des Ja-sagens
„Wir leben in einer Kultur des Ja-sagens“, findet Schöfer. „Es fällt uns schwer, Nein zu sagen. Und nicht nur das. Frauen wird sogar strukturell erschwert, Nein zu sagen. Nicht alle Menschen können oder dürfen in unserer Gesellschaft zu jeder Zeit Nein sagen. Nicht alle Menschen können es sich erlauben oder leisten.“ Jedes Nein hänge auch mit Sprache und Macht zusammen und jedes Nein forme aus dem Objekt ein Subjekt. Man müsse Nein sagen. Im Nein stecke immer auch ein Ja zu einem anderen Zustand. „Ein Ja zu mir. Ein Ja zu Gerechtigkeit. Ein Ja zu Gott. Ein Ja zum Leben. Einem guten Leben für alle. Nein und Amen!“ Dabei sieht sie sich durchaus in guter Gesellschaft: „Sogar Jesus war ein Neinsager, und wie!“
Mit ihrer Position ist Schöfer nicht allein. Immerhin 26.000 Follower hat ihr Instagram-Kanal „ja.und.amen“ und ihr Buch wurde in einer breiten medialen Öffentlichkeit besprochen. Maike Schöfer wird ihr Buch in einer Lesung am 20. Juni in der Stadtkirche Darmstadt vorstellen, für sie auch eine Möglichkeit, an den Ort ihrer Geburt zurückzukehren, an den sie keine Erinnerungen hat. „Da werde ich die Gelegenheit nutzen und das erste Mal seit meiner Geburt Seeheim-Jugenheim wieder besuchen.“
