Gemeinsam engagiert für gesunde Grünanlagen in Weiterstadt, hier an der Ahornblättrigen Platane vor dem Rathaus (von links): Bürgermeister Niklas Gehnich, Carmen Weller und Anette Jung aus dem Umweltamt der Stadt Weiterstadt. Foto: Schreiber

Grün in der Stadt im Zeichen des Klimawandels

Herausforderungen im Sommer 2026: „Um den Baumbestand steht es nicht gut!“

Weiterstadt (sas). Im sechsten Stock des Rathauses gibt es einen guten Überblick über die Gemarkung von Weiterstadt, von dort aus werden auch die Baumbestände und Grünflächen der Stadt beobachtet und beaufsichtigt.

Die langanhaltend hohen Temperaturen in diesem Sommer, insbesondere während der vergangenen Hitzewelle im Juni und Juli, haben überall für Trockenheit, Hitzeschäden und eine hohe Belastung gesorgt. Zu vielen Fragen rund um Hitzeresistenz, Herausforderungen und den aktuellen Umweltzustand haben in Weiterstadt Anette Jung und Carmen Weller aus dem Fachbereich Hochbau, Planung, Umwelt gemeinsam mit Bürgermeister Niklas Gehnich Stellung bezogen.

Wie steht es aktuell um die Weiterstädter Bäume?
„Um den Baumbestand steht es nicht gut, eigentlich gar nicht gut, vor allem bei den alten Bäumen nicht“, sagt Carmen Weller. Laut einer aktuellen Katasterabfrage sind 4056 Einzelbäume im Stadtgebiet verzeichnet und weitere 851 Bäume im „waldartigen Bestand“, dabei geht es um ein „Wäldchen“, wo nur die Bäume aufgenommen werden, die für die Verkehrssicherheit relevant sind.

Von 2016 bis 2026 wurden 431 Bäume gefällt, viele aufgrund von Trocken- und Hitzeschäden, Schädlingsbefall, aber auch aufgrund von Unfällen und Vandalismus. In den letzten zehn Jahren gab es jedoch auch 716 Neupflanzungen im gesamten Stadtgebiet. „Einen alten Baum ersetzt man halt schlecht mit einem neuen“, wirft Anette Jung ein.

Die zum Teil um die 200 Jahre alten Säuleneichen im Schlosspark Braunshardt leiden aktuell unter der trockenen Sommerhitze. Auch Bürgermeister Gehnich, der seit 14 Jahren im Schloss wohnt, kann die Verluste bezeugen: „Es sind in der Zeit viele Bäume aus der Allee weggefallen, eine alte Linde ist umgestürzt – die Neupflanzungen haben mittlerweile jedoch eine stattliche Größe angenommen.“ Andere denkmalpflegerisch geschützte Bäume dort seien schon geschädigt, man versuche, so gut es möglich wäre, diese so lange zu erhalten, wie es geht, so die Vertreterinnen des Umweltamtes.

Ein großes Sorgenkind sei der einstige, mit Fichten durchzogene Wald hinter dem Braunshardter Tännchen, dort sei es schon so weit, dass das Areal inzwischen mehr ein Steppen-Biotop darstellt, sagt Anette Jung. „Dort ist ein echtes Mikado an umgestürzten Bäumen zu sehen – es herrscht ein wahrer Teufelskreis. Mehr Lichtungen mit Gras heißt mehr Maikäfer-Engerlinge, die die Bäume wegfressen, was noch mehr Lichtungen ergibt. Gerade dort wachsen oft konkurrenzstarke, nichtheimische Bäume nach, wie die buschartige Traubenkirsche und Gräser – kein Waldbiotop, wie wir es kannten. Wir bewirtschaften dort auch nicht mehr.“

Parkplatz oder Baum – das ist ein heißes Thema
Bundesweit und europaweit gibt es mittlerweile Auflagen, klimaresistenter zu werden in den Städten. Insofern sei das Pflanzen von Bäumen und das Etablieren von Grün, die Beschattung und Verdunstungskühle bringen, empfohlen, sagen die Expertinnen. Man versuche heute, entsprechende Baumarten zu pflanzen, die an das veränderte Klima besser angepasst sind. In der Riedbahnstraße wurden beispielsweise Hopfenbuchen gepflanzt, aber auch Säulen-Hainbuchen oder Silberlinden sind bevorzugte Baumarten. Im Außenbereich dürfen noch keine nichtheimischen Bäume gepflanzt werden. Oft ist es Abwägungssache, was an welcher Stelle besser wächst: Bergahorn – der gut wächst, nach 20 Jahren jedoch beginnt, einzutrocknen – oder Spitzahorn – hält länger durch, die Rinde platzt allerdings auf.

Welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht?
Jung und Weller, beide unter anderem gelernte Landschaftsarchitektinnen, haben Antworten auf diese Frage. „Früher hat man oft auf 1,50 auf 1,50 Meter minus Betonkeil, der davon weggeht, in den Schotter den Baum gepflanzt, und das sind die Bäume, die uns im Straßenraum jetzt reihenweise eingehen. Eine Rohr-Drainage zum Gießen nutzt da nichts, da wachsen die Wurzeln kreisartig rein und erwürgen sich selbst“, so Jung.

In manche Fehlentscheidungen in der Vergangenheit sei man auch sehenden Auges gegangen. Vor 20 Jahren hat die Volksbank in Gräfenhausen den Platz davor umgestaltet, frisch gepflastert und neue Bäume gepflanzt. Die dafür gewählten Platanen haben nun das Pflaster gehoben, „das war prognostiziert, weil Platanen ein riesiges Wurzelwerk entwickeln, da hätte ich mir gewünscht, auf den Rat der Experten zu hören.“

Der klassische Straßenbaum hat eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren, abstrahlende Wärme vom Asphalt, begrenztes Wurzelvolumen, begrenzter Wasserzufluss oder viele Abgase sind belastend. Es mache eine Menge aus, ob ein Baum in einem Park oder an einer Straße gepflanzt wird, damit er 35 oder 135 Jahre alt werden kann. Bei Neupflanzungen sei „definitiv Luft nach oben“, das bekräftigt auch Bürgermeister Gehnich, allerdings brauche es auch die Fläche dazu. „Wir müssen uns da mit den Kollegen vom Immobilienmanagement, der Straßenverkehrsbehörde einigen. Da geht es zum Teil um die Frage, nehmen wir einen Parkplatz weg, um eine ausreichend große Baumgrube ausheben zu können“, ergänzt Anette Jung.

Den Baum vor dem Haus schützen
Letztlich, so die beiden Sachverständigen und der Bürgermeister, könne auf vielen Ebenen etwas getan werden. Jung: „Im Gewerbegebiet West gibt es einen Bebauungsplan, der regelt, was und wie viel zu bepflanzen ist – leider wurde aus der Stellpflanzsatzung vor ein paar Jahren der Passus rausgenommen, dass überhaupt Baumpflanzungen bei Parkplatzbebauung vorgeschrieben sind.“ Das will Gehnich nach eigener Aussage jedenfalls wieder zurücknehmen, er sei auch erstaunt, „wie arglos man in Weiterstadt Bäume fällen kann, wie geschehen am Altenheim St. Ludwig, wo 40 Jahre alte Bäume weichen konnten, das bleibt auch beim Bürger hängen.“

Der Bürgermeister jedenfalls möchte eine höhere Baumdichte in Weiterstadt herstellen, dafür gäbe es viele Plätze. „Der Marktplatz in Weiterstadt, der Schlossplatz in Braunshardt, der Platz vor dem Schneppenhäuser Bürgerhaus, das sind im Moment alles große, versiegelte Flächen. Jeder Quadratzentimeter in Weiterstadt ist irgendeiner Nutzung zugedacht, Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Gewerbe, Privatgrundstücke, aber auch Vereine, die vor ihrem Vereinsheim feiern wollen– da gibt es überall Nutzungskonflikte“, so Gehnich.

Regenarme, sonnenintensive, sonnige Böden, die kein Wasser speichern – das südhessische Klima hat seine eigenen Herausforderungen. Dazu kommen hohe städtische Verdichtungen – all das wirkt auf gestresste Bäume noch on top. Was können Privatleute tun? Am wichtigsten sei jetzt das Wässern bei den Bäumen vor dem Haus: „Wir sind froh über jeden, der mal eine Gießkanne Wasser an einen Stadtbaum kippt oder den Schlauch eine Viertelstunde dranhält, das können wir alles gar nicht abdecken mit unseren Bewässerungsfahrzeugen“, sagt Weller. „Es gibt auch Patenschaften für Kübel oder einzelne Baumscheiben, aber das könnten noch sehr viel mehr sein.“

Aber auch in jedem privaten Gärten lasse sich das Klima verbessern. „Jede Hecke, jeder Strauch, jeder Baum ist wichtig für mehr Verdunstungskühle, je heimischer, desto besser“, ergänzt Jung.

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