Biber können dabei helfen, Feuchtgebiete zu schaffen, die gerade in Zeiten langer Trockenperioden eine besondere Bedeutung bekommen. Foto: Götz

Baumeister gegen die Trockenheit

Der Biber breitet sich wieder aus – und kann in vieler Hinsicht helfen

Region (rd). Ein paar Äste, Schlamm und Holz und plötzlich verändert sich ein ganzer Bachlauf. Wo der Biber baut, entstehen Teiche, feuchte Wiesen und neue Lebensräume. Was auf den ersten Blick wie ein massiver Eingriff in die Landschaft aussieht, ist für Naturschützer ein wertvoller Beitrag zu Artenvielfalt und Klimavorsorge.

„Der Biber ist kein Landschaftszerstörer, sondern ein genialer tierischer Wasserbauingenieur“, sagt Dirk Bernd, Vorsitzender des Naturschutzvereins MUNA. Seine Spuren finden sich inzwischen auch in zahlreichen Teilen Südhessens. Der Biber ist unter anderem in Bensheim, Einhausen, Lorsch, im Odenwald und im Hessischen Ried nachgewiesen. Damit ist ein Tier in die Region zurückgekehrt, das über Jahrhunderte vollständig verschwunden war. 1596 wurde der letzte hessische Biber an der Gersprenz im Odenwald geschossen. Erst seit Beginn der 2000er-Jahre breitet sich die Art wieder entlang geeigneter Gewässer aus. Für Bernd ist diese Rückkehr weit mehr als eine Erfolgsgeschichte des Artenschutzes. Denn kaum ein anderes heimisches Tier kann eine Landschaft derart stark verändern. Mit seinen Dämmen bremst der Biber kleinere Bäche, staut Wasser und verteilt es in angrenzende Flächen. Es entstehen Feuchtgebiete, die gerade in Zeiten langer Trockenperioden eine besondere Bedeutung bekommen.

Wie groß dieser Effekt sein kann, zeigt sich nach Einschätzung von MUNA unter anderem im Odenwald am Marbach und am Mossaubach im Odenwald. Beide gehören zum hessischen Programm „100 Wilde Bäche“. Während klassische Renaturierungen geplant, finanziert und umgesetzt werden müssen, übernimmt der Biber diese Arbeiten schnell und kostenfrei. „Was er mit Dämmen und Teichen für Grundwasser, Wiesen, Wälder und Artenvielfalt leistet, macht unsere Landschaft deutlich krisenfester“, sagt Bernd.

Dabei beginnt alles mit einem einfachen Bedürfnis des Tiers: Die Eingänge seiner Baue oder Burgen müssen unter Wasser liegen. Ist ein Bach zu flach, errichtet der Biber einen Damm und hebt damit den Wasserstand an. Für ihn bedeutet das Schutz und erleichtert den Transport von Ästen. Für die Landschaft hat dieser Vorgang jedoch weitreichende Folgen. Das Wasser fließt langsamer ab, kann sich stärker in der Fläche verteilen und besser versickern. Während längerer Trockenphasen bleibt dadurch Feuchtigkeit länger in der Umgebung erhalten. Bei Starkregen wiederum können Biberteiche einen Teil des Wassers aufnehmen und Abflussspitzen abschwächen. Aus einem schmalen Bachlauf entwickelt sich im Laufe der Zeit ein Mosaik aus offenen Wasserflächen, Schlammzonen, Feuchtwiesen, Totholz und dichter Vegetation.

Und mit dem Wasser kommt neues Leben. In länger bestehenden Biberteichen beobachtet MUNA regelmäßig verschiedene Amphibienarten. Dazu gehören Feuersalamander, Gras- und Springfrosch, Erdkröte sowie Berg-, Faden- und Teichmolch sowie Wasserfrösche. Auch Libellen nehmen die neu entstandenen Gewässer schnell an.

Besonders auffällig ist nach Bernds Angaben der Grasfrosch. In geeigneten Biberteichen des Odenwaldes finden sich regelmäßig zwischen 20 und weit über 100 Laichballen. Selbst abgestorbene Bäume erfüllen dabei eine wichtige Funktion. Totholz wird von Insekten und Käfern besiedelt, während Vögel herausragende Äste als Sitz- und Jagdwarten nutzen. Auch seltenere Vogelarten profitieren. An den Feuchtflächen von Mossaubach und Marbach wurden nach Angaben des Vereins unter anderem Teich- und Tüpfelsumpfhühner festgestellt. Enten finden Nahrung und Brutplätze, Weiß- und Schwarzstorch, Graureiher und Eisvogel nutzen das größere Angebot an Fischen, Amphibien und anderen Wassertieren. Schlammige Uferbereiche können zugleich Rastplätze für Zugvögel wie Grünschenkel oder Waldwasserläufer bieten.

Auch unter der Wasseroberfläche nimmt die Vielfalt zu. Unterschiedliche Tiefen, ruhigere Bereiche, neue Uferstrukturen und ins Wasser gefallenes Holz schaffen zahlreiche kleine Lebensräume. Davon kann nach Einschätzung von MUNA auch die Fischfauna profitieren.

Dass die Rückkehr des Bibers nicht konfliktfrei verläuft, verschweigt Bernd nicht. Überflutete Flächen, gefällte Bäume oder untergrabene Böschungen können für Land- und Forstwirtschaft, Grundstückseigentümer oder Infrastruktur zum Problem werden. Entscheidend sei jedoch, Lösungen für den jeweiligen Standort zu finden, statt ein Biberrevier vorschnell aufzugeben. Schutzvorrichtungen und ein gezieltes Bibermanagement könnten viele Konflikte entschärfen.

Kritisch sieht Bernd deshalb die in Hessen diskutierte artenschutzrechtliche Ausnahmeverordnung. Sie könnte Eingriffe in Dämme, Vergrämungen und unter bestimmten Voraussetzungen auch die Entnahme von Bibern erleichtern. „Dammzerstörungen, Vergrämungen oder Abschüsse lösen das Problem nicht“, sagt er. Tiere könnten ausweichen und an anderer Stelle erneut Reviere besetzen. Nachhaltiger sei es, vorhandene Lebensräume zu sichern und Konfliktstellen konkret zu entschärfen.

Welche Bedeutung nasse Flächen gerade in trockenen Jahren entwickeln, zeigt für Bernd auch der Schwarzstorch. Dessen Rückkehr in den Odenwald fiel zeitlich mit der Wiederansiedlung des Bibers Anfang der 2000er-Jahre zusammen. MUNA kennt nach eigenen Erhebungen derzeit 14 Brutpaare im Odenwald. Bibergewässer könnten ihnen besonders in trockenen Sommern wichtige Nahrungsflächen bieten, weil Fische, Amphibien und andere Beutetiere dort länger verfügbar bleiben. „Für krisenfeste Ökosysteme ist der Biber mit seiner Gewässerrenaturierung nicht mehr wegzudenken“, sagt Bernd. Für ihn zeigt das Tier damit auch, dass Naturschutz nicht immer bedeuten muss, Landschaft mit großem technischem Aufwand neu zu gestalten. Manchmal genügt es, der Natur Raum zu lassen – und einem Baumeister, der seit Jahrtausenden weiß, wie man Wasser in der Landschaft hält.

MUNA möchte deshalb auch Beobachtungen aus der Bevölkerung sammeln. Wer neue Biberteiche, Dämme, Fraßspuren oder Hinweise auf bislang unbekannte Vorkommen entdeckt, kann diese dem Verein melden.
Kontakt und weitere Infos: muna-ev.com

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