Weiterstadt (sas). Ein Sockel aus einem Espresso-Kännchen, darüber eine Filmspule, eine alte Super8-Kamera, an die kleine Hirschgeweihe montiert sind – so sieht der diesjährige „Filmhirsch“ aus, der Filmpreis für den Gewinner des Super8-Wettbewerbs. Wer diesen erhält, wird das bald Publikum entscheiden. Jubiläen, wohin man schaut: Das Open-Air Filmfest Weiterstadt wird dieses Jahr 50 Jahre alt, seit 30 Jahren wird der Filmhirsch verliehen. Auch die Ehrenpreise für besondere Auszeichnungen tragen die gleiche Handschrift. Jedes Stück ist ein Unikat – genauso wie ihr Schöpfer Horst Dietz, der diese Kunstwerke von Beginn an ins Leben gerufen hat.
Wie kam es dazu? Der gebürtige Weiterstädter erzählt: „Seinerzeit hatte Andreas Heidenreich die Idee und kam auf mich zu mit den Worten ‚Mach doch mal einen Super8-Preis‘. Damals lief der Hirschfilm schon seit Jahren als inoffizieller Eröffnungsfilm für die Fans und Mitarbeiter, auf kleinen Monitoren und Bettlaken, später auch auf der großen Leinwand. Da lag die Inspiration Hirsch nicht fern.“
Der schräge Low-Budget-Film „Xaver und sein außerirdischer Freund“ von 1986 hat bei seinen Fans Kultstatus und läuft seit den späten 80er Jahren als inoffizieller Eröffnungsfilm für die Mitarbeiter am Tännchen. Horst Dietz selbst hat den Film schon rund 120 Mal gesehen, auch in privaten Vorführungen. In der eingeschworenen Gemeinschaft werden markante Stellen im Film lautstark mitgerufen, zum Beispiel, wenn der Außerirdische Alois im Wald vom Förster aufgescheucht wird und auf seine Frage „Lois, wo ist jetzt der Hirsch?“ ruft „Der Hirsch bin I!“
Die Hirschhütte lebt
Die Werkstätte für die Hirschpreise ist eine selbstgebaute Hütte im heimischen Garten. Die ersten Arbeiten am Filmhirsch lockten zwei enge Freunde an, die einstiegen in die Basteleien – „3Stwerk“ war geboren, eine Kreativgemeinschaft rund um Horst Dietz. Weitere Freunde gesellten sich im Laufe der Jahre hinzu, bis heute ist die „Hirschhütte“ die Keimzelle der Weiterstädter Hirsche. Zu sehen sind viele Werke im „Darmstädter Hof“ und im Kommunalen Kino.
In der Hütte herrscht inspirierendes Chaos inmitten vieler Kästen voll mit Materialien. „Hier führt General Zufall das Kommando“, schätzt der Hirschmeister. Was wird hier alles verbaut für einen Filmhirschen? Horst Dietz: „Ein Stück Geweih sollte dabei sein, dann etwas, was mit Film zu tun hat, ein Objektiv, eine Linse, eine Filmspule und Fleischwölfe, passende Metallteile – man nimmt das, was sich anbietet. Wir haben inzwischen Massen an Fahrradlampen und Rücklichtern, alte Rücklichter suche ich dauernd für ein schönes Objekt.“ Geschraubt und gebastelt hat der gelernte Siebdrucker schon immer, „an Bussen, Motorrädern und jetzt an so Sachen, künstlerisch habe ich früher gemalt und wilde Collagen gemacht. Ich bin schon ein Bastler.“
Ein Dinosaurier des Weiterstädter Filmfests
Erfahrene Besucher des Open-Air Filmfests kennen den Bezug zum Hirsch, auf den Plakatmotiven, beim Filmhirsch und bei der „Hirschwurst“, die am Grillstand angeboten wird – die auch seine Idee war. Die Annahme, diese könnte wirklich aus Hirschfleisch besteht, kann Horst Dietz entkräften: „Eine Hirschwurst ist traditionell die Wurst, die gerade richtig gut durchgebraten ist. Von manchen Grillmeistern wird sie mit exakt dem Geröhre serviert, wie es der Alois im Film macht.“ Die Würste stammen traditionell vom Braunshardter Marienhof.
Seine Verbindung zum Filmfest und zum Kino entstand schon früh, der im Januar verstorbene Jochen Pollitt war bereits sein Freund in frühen Schultagen. Der einstige Kino- und Filmfestbegründer lebte in der gleichen Straße wie Horst Dietz und blieb sein Freund bis zuletzt, war oft ein später Gast in der Hirschhütte. Ins Kino ist Dietz nicht wirklich eingestiegen, hat am Anfang auch Super8 gedreht, doch dann „alles weggeschmissen“. Er sei „kein Cineast“ – aber das Filmfest hat er vom ersten Mal an begleitet. „Ich glaube, es gibt auf dem Filmfest niemanden, der mehr Dinosaurier ist als ich, sogar mehr als Jochen. Der war auch schon mal nicht dabei gewesen, weil er im Krankenhaus lag. Ich war bei ausnahmslos jedem Filmfest dabei, mit Auf- und Abbau und allem. Hab‘ mir die ersten 30 Jahre dafür jedes Mal zwei Wochen Urlaub genommen und hab mit meinem Bus dort geschlafen. Wir waren sowas wie das Büro vor Ort gewesen.“ In den ersten Jahrzehnten habe er als Grillchef „mehr Würstchen als Filme gesehen“.
Ein wenig in die Zukunft sehen kann Dietz auch, weil er weiß, dass Filmemacher Manuel Francesco, der den Filmhirschen am häufigsten erhalten hat, dieses Jahr keinen gewinnen wird. Dieser ist zum Jubiläumsfilmfest nämlich nicht dabei. Einige seiner Gewinnerpreise aus den vergangenen Jahren stehen dafür im Kommunalen Kino.
Für kommende Preise hat Dietz zum Teil vorgebastelt: „Manche Modelle ergeben sich im Schaffensprozess in der Hütte, etwa, wenn eine Kamera dabei ist – aber manchmal kommt einem einfach keine zündende Idee. Der ein oder andere Filmhirsch entstand allerdings von meinen Mitstreitern.“ Dietz jedenfalls hofft, dass es weitergeht mit dem Filmfest und den Hirschen und dass sich für alles Nachwuchs findet. Nächste Woche jedenfalls ist er natürlich wieder vor Ort.
Das 50. Open-Air Filmfest läuft vom 13. bis 17. August am Braunshardter Filmfest, im Filmzelt und im Kommunalen Kino Weiterstadt. Der Super8-Wettbewerb ist am Samstagabend am Tännchen inklusive Preisverleihung.
Programm: www.filmfest-weiterstadt.de
