Hahn (rd). Stromausfälle, schlechte Straßen und Alltagsdinge, die nicht immer erhältlich sind: Das Leben von Silke Wedel unterscheidet sich heute deutlich von ihrem früheren Alltag in Pfungstadt-Hahn. Gemeinsam mit ihrem Mann Harry lebt sie nahe des Malawisees und baut sich dort ein neues Zuhause auf.
Wedel, geborene Geibel, kam 1963 zur Welt und wuchs in Hahn auf. Nach dem Abitur reiste sie nach Israel und Griechenland. Anschließend arbeitete sie als Krankenschwester am heutigen Vitos Philippshospital in Riedstadt, zeitweise als stellvertretende Stationsleitung.
Mit 29 Jahren begann sie ein Psychologiestudium. Afrika hatte sie schon lange gereizt. „Seit ich denken kann, wollte ich dorthin“, erzählt sie. 2001 entdeckte sie eine Stellenanzeige der Therapieeinrichtung „Daktari“ in Namibia. 2002 trat sie dort eine Stelle als Psychologin an. Aus den geplanten zwölf Monaten wurden mehr als zwei Jahrzehnte. „Daktari“ betreut auf einer abgelegenen Farm Menschen in Lebenskrisen und mit Suchtproblemen. Die Entfernung zum alten Umfeld ist Teil des Konzepts. Ein geregelter Alltag, therapeutische Gespräche und gemeinsame Aufgaben sollen bei der Neuorientierung helfen. Auch Fernunterricht und das Nachholen eines Schulabschlusses sind möglich.
Wedel führte Einzel- und Gruppengespräche, gestaltete aber ebenso den Alltag mit. „Die Menschen erleben dich auch beim Essen. Du bist dort nicht nur Therapeutin, sondern auch Mensch – einfach Silke“, beschreibt sie die besondere Nähe. Viele Jugendliche seien zuvor durch sämtliche Raster gefallen. Rückfälle ließen sich nicht ausschließen. Umso mehr freut sie sich über frühere Teilnehmende, die sich ein neues Leben aufgebaut haben. Wichtig sei eine verlässliche Nachsorge in Europa.
Auf der Farm lernte sie auch ihren späteren Mann kennen. Harry war mit einem selbst ausgebauten Lastwagen nach Afrika gereist und arbeitete bei „Daktari“ als Betreuer. Gemeinsam nahmen sie sich neun Monate Auszeit und fuhren durch mehrere afrikanische Länder bis nach Uganda. Auch Malawi gehörte zu den Stationen und hinterließ einen bleibenden Eindruck. 2007 heiratete das Paar. Später zogen beide nach Omaruru. Während Silke Wedel weiter bei „Daktari“ arbeitete, begann ihr Mann mit geführten Reisen. Heute organisieren sie individuelle Camping- und Lodgereisen. Sie kümmert sich um Buchungen und die Kontakte zu den Unterkünften, er begleitet die Gäste als Fahrer und Guide. Bis 2024 blieb Namibia ihr Lebensmittelpunkt. Dann entschied sich das Paar, noch einmal neu anzufangen. In Malawi hatten die Wedels seit vielen Jahren Freunde und unterstützten eine Familie unter anderem beim Schulgeld für die Kinder. Bei einem Besuch ergab sich die Möglichkeit, ein Chalet nahe dem Malawisee zu kaufen.
Seitdem wird renoviert. Manche Besorgung erfordert eine Fahrt in die Hauptstadt, hinzu kommen tiefe Schlaglöcher und Stromabschaltungen. „Es ist ein ganz anderes Leben als in Deutschland oder auch in Namibia“, sagt Wedel. Zugleich erlebt sie Malawi als ausgesprochen herzlich. Das Land wird als „warmes Herz Afrikas“ bezeichnet. Es bietet den Malawisee, Berge und Nationalparks, ist bislang aber kaum vom Massentourismus geprägt.
Während Harry häufig als Guide unterwegs ist, kümmert sich seine Frau um die Organisation, das Haus, den Garten und die fünf Hunde des Paares. Ganz von ihrer therapeutischen Arbeit lösen möchte sie sich nicht. In diesem Jahr kehrte sie für vier Monate nach Namibia zurück, um „Daktari“ zu unterstützen. Künftig möchte sie nach Möglichkeit jedes Jahr dort mitarbeiten. Auch in Malawi möchte sie sich sozial einbringen und etwa eine Schule unterstützen. „Ich bin jemand, der immer etwas machen möchte“, sagt sie.
Dass sie in ihrem Alter noch einmal ein neues Leben in einem anderen Land begonnen haben, konnten nicht alle in ihrem Umfeld verstehen. Für Wedel überwiegt die Freude, ihren Traum verwirklicht zu haben: „Manchmal bin ich selbst überrascht und denke: Wow, ich wollte immer nach Afrika – und ich habe es wirklich geschafft.“
Ihre Verbindung nach Hahn ist trotz der Entfernung nicht ganz abgerissen. Über soziale Netzwerke verfolgt sie, was in ihrer alten Heimat geschieht. Besonders freuen würde sie sich über Nachrichten früherer Schulkameradinnen und -kameraden sowie Weggefährtinnen und Weggefährten.
Kontakt: silke.wedel@gmail.com
