Sylvia Schmitt und Bürgermeister Maximilian Schimmel bei einer ersten Proberunde im Rahmen des kürzlichen Ehrentags rund um das Alte E-Werk. Foto: Privat

Vom Recht auf Wind in den Haaren

Pfungstädterin Sylvia Schmitt möchte Rikschaprojekt aufbauen

Pfungstadt (rd). Ein einfacher Satz auf einem T-Shirt hat bei Sylvia Schmitt etwas ins Rollen gebracht. Auf einem Pflegefachtag las sie auf einem Oberteil, was dort eine Dame anhatte: „Ein Recht auf Wind in den Haaren“. Was zunächst wie ein netter Spruch klang, entwickelte sich für die gebürtige Pfungstädterin zu einer Herzensangelegenheit. Nun möchte sie in ihrer Heimatstadt ein ehrenamtliches Rikscha-Projekt aufbauen, das älteren und mobilitätseingeschränkten Menschen mehr Teilhabe, Begegnung und Lebensqualität ermöglichen soll.

„Jeder Mensch sollte die Möglichkeit haben, rauszukommen, etwas zu erleben und am Leben teilzunehmen“, sagt Schmitt. Die Idee begleitet sie inzwischen seit mehreren Jahren. Auslöser waren nicht nur die Begegnung mit einem bestehenden Rikscha-Projekt, sondern auch persönliche Erfahrungen. Sie pflegte sieben Jahre lang ihre Eltern neben ihrer Vollzeitbeschäftigung und erlebte dabei hautnah, mit welchen Herausforderungen pflegende Angehörige und ältere Menschen konfrontiert sind. „Ich weiß, wo es in der Pflege und Versorgung überall hakt und fehlt“, sagt sie. Deshalb engagiert sie sich seit Jahren ehrenamtlich bei verschiedenen Institutionen. Als sie auf einer Pflegeveranstaltung erstmals von den speziellen Rikschas hörte, war ihr Interesse geweckt.

Ein Ausflug,
der alles veränderte
Den entscheidenden Anstoß gab schließlich ein Dankesausflug für ehrenamtliche Helfer. Dabei kamen erstmals Rikschas zum Einsatz, darunter auch ein Modell für Rollstuhlfahrer. Die Teilnehmenden fuhren durch die Natur, vorbei an Feldern, Weiden und dem Erlensee bei Bickenbach. Besonders in Erinnerung geblieben ist Schmitt die Reaktion einer Teilnehmerin. „Sie ist mir hinterher um den Hals gefallen und hat gesagt: Das war so toll. Können wir das bitte noch einmal machen?“ Diese Begegnung war für sie die Initialzündung und ließ die Pfungstädterin nicht mehr los.

Inzwischen hat sie selbst die Ausbildung zur sogenannten Rikscha-Pilotin absolviert und fährt regelmäßig für ein bestehendes Projekt in der Region. Dabei erlebt sie immer wieder, welche Wirkung die Ausfahrten auf die Fahrgäste haben. „Es geht nicht darum, möglichst schnell von A nach B zu kommen“, erklärt sie. „Es geht um das Erleben. Um die frische Luft, die Natur, Gespräche und schöne Momente.“

Eine Liebesgeschichte
Für Schmitt steckt hinter den Rikscha-Fahrten weit mehr als ein Freizeitangebot. Sie sieht darin auch eine Möglichkeit, Einsamkeit entgegenzuwirken und Erinnerungen zu wecken. Besonders Menschen mit Demenz würden oft erstaunlich positiv auf die Ausfahrten reagieren. Wenn vertraute Orte besucht werden, kämen Erinnerungen zurück, Gespräche entstünden und Menschen würden wieder aktiver am Leben teilnehmen. Von einem Erlebnis berichtet sie besonders gerne: Zwei Bewohner eines Pflegeheims saßen gemeinsam in einer Rikscha. Während der Fahrt begann eine Frau, die sonst nur wenig sprach, plötzlich von ihrer Kindheit zu erzählen, zeigte Orte aus ihrem früheren Leben und erklärte ihrem Mitfahrer die Umgebung. Aus gemeinsamen Fahrten entwickelte sich schließlich sogar eine enge Freundschaft. „Solche Momente zeigen, wie wertvoll diese Fahrten sein können“, sagt Schmitt.

Erste Unterstützung für die Idee
Beim Ehrentag der Stadt Pfungstadt kürzlich stellte Sylvia Schmitt ihre Pläne erstmals öffentlich vor. Gemeinsam mit Unterstützern aus bestehenden Rikscha-Projekten war sie mit mehreren Fahrzeugen vor Ort und bot Probefahrten an. Auch Bürgermeister Maximilian Schimmel ließ sich die Idee näher erklären und setzte sich selbst auf den Fahrersitz. Nach einer ersten Runde zeigte er sich nach Angaben von Schmitt offen für das Vorhaben.

Noch befindet sich das Projekt in der Aufbauphase. Gespräche mit möglichen Kooperationspartnern laufen bereits. Ziel ist es, künftig mindestens eine eigene Rikscha für Pfungstadt zur Verfügung zu haben. Dafür werden allerdings noch Unterstützer gesucht. Vor allem ehrenamtliche Fahrerinnen und Fahrer – im Projekt „Piloten“ genannt – werden benötigt. „Man muss kein Leistungssportler sein“, sagt Schmidt. Die Fahrzeuge verfügen über elektrische Unterstützung. Viel wichtiger seien Freude am Umgang mit Menschen, etwas Zeit und die Bereitschaft, anderen schöne Erlebnisse zu ermöglichen. Denn genau darum geht es ihr: „Jeder Mensch ist wertvoll. Und jeder sollte die Möglichkeit haben, den Wind in den Haaren zu spüren.“ Persönlich Kontakt aufnehmen können potentielle Unterstützer direkt bei Sylvia Schmitt.
Kontakt und weitere Infos: (0170) 5717240

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