Gernsheim (red). 1992: Irina Eduardowna Peter ist neun Jahre alt. Sie freut sich auf das Gummibärchenparadies, wie sie Deutschland nennt. Diese Freude teilt die ältere Schwester ganz und gar nicht. Sie will, auch wegen ihres Freundes, in der Heimat bleiben, der kasachischen Steppe. Beide, und ein drittes Kind, wurden zu „Mitgebrachten“, also zu jenen, die ohne Einfluss dem Willen der Eltern zur „Rückkehr“ nach Deutschland unterworfen waren. Inzwischen ist Ira Peter, wie sie sich heute nennt, 41 Jahre alt, erfolgreiche Journalistin, Podcasterin und Schriftstellerin. Auf Einladung des Bunds der Vertriebenen und der Kooperationspartner Buchhandlung Bornhofen, Verein Memor und Gymnasium Gernsheim, las die Autorin kürzlich in der Schöfferstadt aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“.
Viele Deutsche haben sich im 18. Jahrhundert an der Wolga niedergelassen. Sie sind der Aufforderung Katharinas der Großen gefolgt, die Menschen in das oft menschenleere russische Reich gerufen hat. Schon im Ersten Weltkrieg und insbesondere im Zweiten wurden die Deutschen in der Sowjetunion, quasi als „fünfte Kolonne“, aber weit in den Osten deportiert. Ira Peter erzählte und zeigte Bilder von der „Siedlung 28“, die einem Gefängnis glich. Täglich seien Duelle mit dem Tod ausgefochten worden: „Das Baby einer Tante sog noch an der Brust der Mutter, obwohl diese bereits verhungert und kalt im Bett lag.“
1972 stand man den Deutschen schließlich das Recht auf Rückkehr innerhalb der Sowjetunion zu – aber wohin? Die Lösung für die leidenden Menschen: nach Deutschland, in die Ursprungsheimat. Dort wurden sie anstandslos eingebürgert, weil Deutschland sie letztlich als Opfer des Nationalsozialismus erachtet und weil sie deutscher Herkunft sind. Rund 2,5 Millionen Russlanddeutsche leben inzwischen hier, darunter die 1992 ausgereiste Familie der Autorin.
Doch gerade der „Spiegel“ hetzte damals in rassistischer Weise gegen diesen „Treck aus dem Osten“, wie Peter sagte. Gängige Vorurteile waren schnell zur Hand, viele Klischees kursierten. Dass der „deutsche Schäferhund“ in der Ahnengalerie die Aufnahme in Deutschland ermöglicht habe, „war sehr erniedrigend“. Und: „Die Integrationsbemühungen waren eher mangelhaft, wenn auch noch Sprachkurse gekürzt wurden.“ Die Autorin nannte Stichworte zum Preis der Integration: Anpassungsdruck und Assimilation, Verleugnung der eigenen Identität, prekäre Jobs der Eltern wegen nicht anerkannter Berufsabschlüsse. Da waren sie nun, die Kinder aus einem fremden Land, die in der Schule oftmals „die Russen“ waren. Erst als der Lehrer Irina ein Referat über die Russlanddeutschen schreiben hieß, „war das ein identitätsstiftender Moment“. Die Herkunft sei plötzlich nichts mehr gewesen, für das man sich habe schämen müssen. Gegenseitige Einladungen von Mitschülern sorgten für eine „Normalisierung“ im Umgang miteinander. „Vielleicht sollten wir uns alle öfter gegenseitig in unsere Lebenswelten einladen, dann hätten Angst und Scham keinen Raum mehr. Vorurteile auch nicht.“ Bei vielen der mehr als 80 Zuhörerinnen und Zuhörern löste das ein Kopfnicken aus.
Freilich gab es für die nach Deutschland Gekommenen keinen Plan B: „Wir sind gekommen, um zu bleiben“ – trotz aller Probleme mit der versagten Anerkennung von Berufsabschlüssen, dem Misstrauen der Alteingesessenen, der Traumata, die noch heute viele in sich trügen. Dennoch: „Meine Eltern sind nach wie vor dankbar, dass sie hier leben dürfen.“ Auch wenn die Mutter bald nach der „Rückkehr“ nach Deutschland noch einmal nach Kasachstan geflogen war – „Sie hat ihre Seele abholen müssen.“
Deutschland habe bei der Elterngeneration viel Potenzial brachliegen lassen, bescheinigte die Forschung den Aussiedlerkindern Bildungsvorteile. Dennoch: „Ich selbst werde nie deutsch genug sein“, sagte Ira Peter im nachfolgenden Gespräch auf die entsprechende Frage, „weil mir so viel fehlt. Ich bin kasachstandeutsch und gut genug. Das genügt.“ Schließlich: „Wir tragen das Erbe aus Mut und Lebenswillen unserer Vorfahrinnen in uns.“ Angeregt durch die Schilderungen der Autorin, sagte eine Zuhörerin, ihren Kindern noch mehr aus der Geschichte der Schicksalsgemeinschaft der Russlanddeutschen und auch der Familiengeschichte erzählen zu wollen.
