Pfungstadt (rd). Eigentlich begann alles lange vor dem 24. Februar 2022. Im Sommer 2020, während der Corona-Pandemie, las Andre Wunder-Seban das Buch „Mitternacht in Tschernobyl“ des britischen Autors Adam Higginbotham. Die Schilderungen der Nuklearkatastrophe von 1986 ließen ihn nicht mehr los. Er begann, sich intensiver mit der Ukraine und ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Über das Internetforum Reddit lernte er den Ukrainer Bodhan kennen, der damals in Charkiw lebte. Über Monate tauschten sich die beiden aus. Wunder-Seban erfuhr dabei vieles über das Land und insbesondere über den Konflikt im Osten der Ukraine, das ihm bis dahin kaum bekannt gewesen war.
2021 reiste der Pfungstädter schließlich selbst in die Ukraine. Bei einer Tagestour durch die Sperrzone von Tschernobyl lernte er Julia kennen, die Ende 2014 wegen der Kampfhandlungen aus ihrer Heimat in der Oblast Donezk nach Kiew geflohen war. Die Gespräche drehten sich bald nicht mehr nur um die Reaktorkatastrophe, sondern auch um den seit Jahren andauernden Konflikt in der Ostukraine. Für das Frühjahr 2022 verabredeten sich Wunder-Seban, Bodhan und Julia zu einem Wiedersehen in Kiew. Dazu sollte es nicht mehr kommen.
Als aus Interesse Hilfe wurde
Am 24. Februar 2022 begann Russland seinen groß angelegten Angriff auf die Ukraine. Auch Charkiw wurde bereits am frühen Morgen angegriffen. Wunder-Seban hatte Kiew nur wenige Monate zuvor noch als friedliche, lebendige Hauptstadt erlebt. Nun sah er im Fernsehen leere Straßen und Plätze und hörte die Sirenen des Luftalarms. Für ihn war dies der Moment, selbst aktiv zu werden. Zunächst spendete er Kleidung und Lebensmittel an Hilfsorganisationen. Ein Jahr später ging er einen Schritt weiter.
Im Februar 2023 machte er sich mit dem Auto auf die rund 1900 Kilometer lange Reise nach Kiew. Weil er nicht mit leerem Kofferraum fahren wollte, nahm er Kontakt zum Darmstädter Hilfsverein PDUM auf. Dessen stellvertretende Vorsitzende Victoria Mozer bat ihn, dringend benötigte medizinische Hilfsgüter für die Region Sumy mitzunehmen.
Die ukrainische Hauptstadt empfing ihn weitgehend verdunkelt. In seinem Hotel war er der einzige Gast. Statt sich nach den Frühstückszeiten zu erkundigen, fragte er zunächst, was bei einem Raketenangriff zu tun sei. Noch in derselben Nacht musste er es erleben. Um 2.44 Uhr riss ihn der Luftalarm aus dem Schlaf. Gemeinsam mit der Rezeptionistin saß er anschließend im Keller zwischen Kühlschränken und trank Tee.
Noch bedrückender sei jedoch gewesen, was er im Umland der Hauptstadt gesehen habe. In Hostomel, Irpin und Butscha waren die Spuren der Kämpfe und der russischen Besatzung Anfang 2023 noch deutlich sichtbar.„Die Spuren der russischen Truppen in Hostomel, Irpin und Butscha machten die Gräueltaten auf eine Weise spürbar, wie es kein Fernsehbild jemals vermitteln könnte“, sagt Wunder-Seban.
Nach der Rückkehr nach Deutschland stand für ihn fest, sein Engagement auszubauen. Er trat dem Verein PDUM bei, brachte im Herbst 2023 Hilfsgüter nach Uschhorod und half später gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen wie Peter Ehry und Christoph von Rinck bei der Organisation und Beladung von Hilfstransporten in Griesheim.
Wenn der Luftalarm zum Alltag gehört
Eine weitere Reise führte ihn im August 2024 nach Lubny. Nach mehr als 2200 Kilometern Fahrt erreichte die Gruppe dort ein Berufslyzeum. Mitgebracht hatten die Helfer unter anderem Lebensmittel, Sanitätsartikel und Winterkleidung, bereitgestellt vom PDUM und von der Aktionsgruppe „Pfungstadt hilft der Ukraine“. Während der Direktor die Gäste durch die Schule führte und über fehlende Ausstattung sprach, ertönte plötzlich Luftalarm.
Wunder-Seban beobachtete, wie selbstverständlich die Menschen inzwischen auf die Warnung reagierten: Gespräche wurden für einen Moment unterbrochen, die Warn-App auf dem Smartphone kontrolliert und anschließend ging der Alltag weiter. Gerade diese Routine habe ihn nachdenklich gemacht. Ein Leben, in dem jeder Alarm den gesamten Tagesablauf zum Stillstand bringe, sei auf Dauer kaum möglich. So werde etwas, das niemals normal sein dürfe, zwangsläufig Teil des Alltags.
Am folgenden Tag wurden die Probleme der Region noch sichtbarer. Im Krankenhaus war das Dach undicht, Regenwasser hatte bereits Innenwände beschädigt. Es fehlte an moderner medizinischer Ausstattung, unter anderem an einem Computertomographen und an Operationsbesteck. Auch die Turnhalle des Berufslyzeums war sanierungsbedürftig. Die Jugendlichen mussten auf einem brüchigen, rauen Betonboden Sport treiben.
Verbindung zwischen Pfungstadt und Pyrjatyn
Auf derselben Reise besuchte Wunder-Seban auch Pyrjatyn. Bürgermeister Andrii Simonov schilderte ihm die Herausforderungen der Stadt und ihrer rund 15.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Dabei ging es nicht nur um konkrete Hilfslieferungen, sondern auch um die Möglichkeit einer engeren Verbindung zwischen Pyrjatyn und Pfungstadt.
Ein Problem war die medizinische Versorgung im Umland. Der städtische Arzt benötigte dringend ein Fahrzeug, um Patienten auch außerhalb des Stadtgebiets erreichen zu können. Anfang 2026 erhielt Pyrjatyn schließlich – auch mit Unterstützung der Stadt Pfungstadt – aus Fördermitteln des Bundes ein entsprechendes Fahrzeug.
Die Region trägt dabei nicht nur die Folgen des gegenwärtigen Krieges. Bis heute wirken auch die Folgen der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl nach. Aus Lubny und der Oblast Poltawa waren 1986 Hunderte sogenannte Liquidatoren in das verseuchte Gebiet geschickt worden, um die Folgen der Katastrophe einzudämmen. Viele von ihnen litten und leiden unter den gesundheitlichen Konsequenzen ihres Einsatzes.
Ein Frauenchor und die Geschichten dahinter
Eine Begegnung im Januar 2025 hat sich Wunder-Seban besonders eingeprägt. Gemeinsam mit seinem besten Freund Kai Bürkle war er im Rahmen eines vom PDUM finanzierten Hilfstransports in der westukrainischen Oblast Lwiw unterwegs. In Jaworiw sollten unter anderem medizinische Hilfsgüter übergeben werden. In der benachbarten Gemeinde Tschernylyawa wurden die beiden Gäste in einem Kulturpalast empfangen. Ein Frauenchor sang traditionelle ukrainische Volkslieder. Danach kamen die Besuchenden mithilfe einer Dolmetscherin mit den rund zehn Sängerinnen ins Gespräch. Aus dem zunächst feierlichen Empfang wurde eine Begegnung mit den ganz persönlichen Folgen des Krieges. Mehrere Frauen berichteten unter Tränen von Ehemännern, Söhnen und Brüdern, die in den umkämpften Regionen Donezk und Charkiw ums Leben gekommen waren.
„Besonders nah ging uns, dass viele der gefallenen Söhne im Alter von Kai und mir waren oder sogar noch jünger“, erinnert sich Wunder-Seban. Solche Begegnungen seien es, die ihn immer wieder motivierten, trotz der langen Fahrten und trotz des Risikos weiterzumachen. „Mich treibt genau dieser persönliche Austausch an: das gemeinsame Gespräch, das aufrichtige Zuhören und das Gefühl, ihnen eine stützende Hand im Rücken zu geben.“ Für Wunder-Seban geht humanitäre Hilfe deshalb weit über Sach- oder Geldspenden hinaus. Entscheidend sei auch, den Menschen zu zeigen, dass sie außerhalb der Ukraine nicht vergessen würden. „Diese menschliche Nähe und das Signal ,Ihr seid nicht allein‘ – das ist durch kein Geld der Welt zu ersetzen und gibt mir die Kraft, immer wieder loszufahren.“
Bis Anfang 2026 war er im PDUM auch über drei Jahre Mitglied des Vorstands und verließ die Organisation, um sich fernab von festen Vereinsstrukturen zukünftig mit weiteren privaten Unterstützern in einem breiteren Feld noch zielgerichteter im Bereich der direkten humanitären Hilfe einsetzen zu können.
Auch kleine Hilfe kann viel bedeuten
Gerade nach mehr als vier Jahren Krieg sei ihm bewusst, dass das Thema im Alltag vieler Menschen weniger präsent sei als noch 2022. Dafür habe er Verständnis. Eigene Sorgen und Probleme nähmen naturgemäß Raum ein. Dennoch müsse Unterstützung nicht zwangsläufig mit großen Spenden oder erheblichem Aufwand verbunden sein. Gebrauchte Babykleidung, ein noch fahrtüchtiges Fahrrad oder einige Stunden ehrenamtliche Hilfe bei der Beladung eines Hilfstransports könnten bereits einen Unterschied machen.
Wunder-Seban wirbt deshalb dafür, Organisationen wie PDUM oder UKRAIDA weiterhin im Blick zu behalten und sie nach den eigenen Möglichkeiten zu unterstützen. „Ich wünsche mir, dass wir nicht vergessen, dass auch die ganz kleinen Gesten einen riesigen Unterschied machen. Hilfe muss nicht kompliziert sein.“ Für ihn ist genau das die wichtigste Erfahrung aus den vergangenen Jahren: Solidarität zeigt sich nicht nur in großen politischen Entscheidungen. Manchmal beginnt sie mit einem Karton voller Hilfsgüter, einigen Stunden Zeit oder damit, einem Menschen zuzuhören. „Diese direkte Menschlichkeit, das ist es, was am Ende zählt. Meine nächste, privat finanzierte, Fahrt ist für den Winter 2026 in die Westukraine geplant um dort medizinisches Hilfsmaterial zu überbringen.“
