Mit Trillerpfeifen, Ratschen, auf Plakaten und mit lautstarken Rufen machten rund 50 Personen, vor allem Fachkräfte aus dem Bereich Erziehung, vor dem Rathaus auf ihre Sorgen und Nöte aufmerksam, die sie den Plänen der Stadt entgegenbringen, die Öffnungszeiten von Betreuungseinrichtungen in Weiterstadt wieder zu verlängern. Hierfür benötige man zusätzliche Fachkräfte. Die Sorgen: Erzieher:innen brennen aus, Krankenstand steigt, höhere Belastung des bestehenden Teams. Die Qualität der Betreuung würde „unter reiner Aufbewahrung“ leiden, frühkindliche Bildung brauche Zeit, Zuwendung und pädagogische Konzepte. Foto: Strobel

Lautstark auf Sorgen hingewiesen

Protestaktion in Weiterstadt: „Erst Fachkräfte finden, dann Zeiten verlängern“

Weiterstadt (hst). Vor der Sitzung der Weiterstädter Stadtverordnetenversammlung am Donnerstag, 25. Juni, protestierten trotz flirrender Hitze rund 50 Erzieherinnen, Erzieher, Eltern, Kinder und Gewerkschaftsvertreterinnen und -vertreter lautstark gegen eine mögliche Verlängerung der Öffnungszeiten der Kitas in Weiterstadt. Laut Mitteilung der Gewerkschaft Verdi, die zu insgesamt zwei Kundgebungen vor dem Rathaus aufgerufen hatte, kamen vor allem städtische Beschäftigte, Eltern und Kinder auf den Rathausparkplatz.

Die Verdi-Vertrauensleute bei der Stadt Weiterstadt freuten sich nach eigenen Angaben besonders über die Solidarität aus Bevölkerung und Gewerkschaften, auch aus dem Umkreis: „Enttäuscht sind wir von der Jamaika-Kooperation, der unserem Eindruck nach ihre Wahlversprechen wichtiger sind als die Argumente der pädagogischen Fachkräfte und der Expertinnen aus der Verwaltung“, teilt die Gewerkschaft mit.

Mit Trillerpfeifen und Plakaten sowie auf den Boden vor dem Sitzungssaal der Stadtverordnetenversammlung gelegten Plakaten, auf denen ihre Befürchtungen und Forderungen zu lesen waren, machten die Beschäftigten auf ihre Sorgen um das Wohl der Erzieherinnen und Erzieher und die zu betreuenden Kinder in Weiterstadt aufmerksam. Sie sind unter anderem auch darüber besorgt, wie es in der Schulkindbetreuung in Weiterstadt weitergehen wird: „Wir sind gespannt, ob es in der Debatte über den Übergang der Schulkindbetreuung von der Stadt Weiterstadt an den Landkreis Darmstadt-Dieburg anders werden wird“, heißt es in der Pressemeldung der Verdi-Vertrauensleute Weiterstadt.

Die Befürchtungen der Beschäftigten sind „Tarifflucht“, da der Landkreis „die Schulkindbetreuung vermutlich an einen nicht tarifgebundenen Träger geben wird“; negative Auswirkungen auf die Weiterstädter Bildungslandschaft mit ihrer engen Verzahnung von Krippe und Kita über Schulkindbetreuung bis hin zur Jugendsozialarbeit sowie „negative soziale Folgen von Gebühren für die Schulkindbetreuung“.

In der pünktlich um 19 Uhr dann eröffneten, gut besuchten Stadtverordnetenversammlung waren dann auch die Kita-Öffnungszeiten heißes Thema. Nach der Eröffnung der Sitzung antwortete Bürgermeister Niklas Gehnich zunächst auf eine Frage der Parlamentarier zur Kinderbetreuung in Weiterstadt, dass in diesem Jahr 13 Bewerbungen eingegangen und vier Fachkräfte neu eingestellt worden seien. Wegen der Hitzewelle, die ganz Deutschland betreffe, habe man aus Gesundheitsschutz für Kinder und Fachkräfte die Eltern gebeten, ihre Kinder, wenn irgend möglich, schon um 13 Uhr aus den Kitas abzuholen. Eine Notbetreuung sei aber immer gegeben.

In Punkt 14 der Tagesordnung wurde dann über den Antrag der CDU-, ALW-Grüne- und FDP-Fraktion über eine „Konzepterstellung für verlängerte Öffnungszeiten an drei Kitastandorten“ abgestimmt. Hier ging es laut Antrag zunächst nur darum, ein Konzept zu erarbeiten, nicht etwa um die sofortige Umsetzung der verlängerten Öffnungszeiten. Kai Pritzsche von ALW-Grüne bat darum, die Debatte zu diesem Punkt bitte „ohne Schaum vor dem Mund“ und ohne „polemische Social-Media Auftritte“ zu führen; diese würden nicht dabei helfen, Lösungen zu finden. Man habe sowohl die Eltern im Blick, als auch die Belange der Fachkräfte. Natürlich werde für eine längere Öffnungszeit mehr Personal benötigt, man müsse aber auch sehen, dass sich das Familieneinkommen bei manchen Familien durch kurze Öffnungszeiten reduziere.

Auch die Landtagsabgeordnete und CDU-Fraktionsvorsitzende Ina Dürr nahm dazu Stellung und richtete einen Appell an die Stadtverordnete Heike Hofmann (SPD), die als Hessische Sozialministerin die „Familien nicht alleine lassen“ solle.

Carolin Wiegand (SPD) fragte, ob sich das Weiterstadt aktuell „leisten könne“ und beantwortete ihre Frage gleich mit „Nein“. Man dürfe Qualität nicht „eintauschen“, die Reduzierung der Öffnungszeiten vor rund zwei Jahren habe „gewirkt“, die Betreuung sei verlässlich gewesen und die Notbetreuungen seien zurückgegangen. Man müsse die Elternbefragungen abwarten, bevor man über verlängerte Öffnungszeiten entscheide.

Am Ende der Diskussion wurde mehrheitlich beschlossen, den Magistrat zu beauftragen, bis Ende dieses Jahres ein Konzept zu erarbeiten, um in drei Betreuungseinrichtungen die Betreuungszeiten montags bis donnerstags wieder bis 17 Uhr und freitags bis 16 Uhr zu verlängern. Eine der drei Einrichtung soll sowohl U3- und Ü3-Kinder betreuen. Die verlängerten Öffnungszeiten sollen möglichst zum Jahresbeginn 2027, spätestens aber zum Start des neuen Kindergartenjahres zum 1. August 2027 in Kraft treten. Das Konzept soll auch die nötigen zusätzlichen Personalstellen und die Personalkosten darstellen.

Darüber hinaus wurde der Antrag der SPD-Fraktion einstimmig beschlossen, ein Konzept zur Gewinnung und Bindung pädagogischer Fachkräfte zu erarbeiten.

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