Groß-Rohrheim (mic). Was lange währt, wird endlich gut – eine alte Redewendung, die manchmal auch stimmt. Die evangelische Kirche Groß-Rohrheim, mit deren Neubau 1688 begonnen wurde, ist ein echtes Kleinod. Sie steht unter Denkmalschutz und ist in ihrer Art im Ried und auch im Dekanat einzigartig. Doch die Kirche, die in den vergangenen Jahrhunderten auch immer wieder mal umgebaut wurde, musste dringend saniert werden. Vor allem der Kirchturm war in einem schlimmen Zustand. Doch das Ganze kostete viel Geld. So wurde kurzerhand ein Förderverein gegründet und es wurden eifrig Spenden gesammelt. Nun sind die Sanierungsarbeiten, die letztlich aber nicht nur den Kirchturm betrafen, offiziell beendet.
Daher hatten Pfarrer, Förderverein und Kirchenvorstand am vergangenen Sonntag zu einem ganz besonderen Gottesdienst eingeladen. Gefeiert wurde der Abschluss der Sanierungsarbeiten. Die Predigt hielt diesmal nicht Pfarrer Dominik Weyl, sondern Prädikant Jörg Koester. Der Mann aus Mittelhessen war eigens gekommen, um den Gottesdienst mitzugestalten. Das Kuriose hierbei: Koester ist von Beruf Zimmermeister und war mit seiner Firma aktiv an der Sanierung des Kirchturms beteiligt. Insgesamt elf Monate lang war Koester immer wieder nach Groß-Rohrheim gekommen, um mit Fachleuten am Erhalt des in die Jahre gekommenen Kirchturms zu arbeiten. Das sei für ihn auch eine Herzensangelegenheit gewesen.
Das Fachunternehmen, die Firma Lambrecht, hat sich auf die Sanierung alter sakraler Bauten spezialisiert. Und als man die Verschalung damals öffnete, wurden noch schlimmerer Schäden, als zunächst vermutet, offensichtlich. Das machte das Ganze nicht nur teurer, sondern auch zeitaufwendiger. So musste beispielsweise im unteren Bereich ein sechs Meter langer neuer Stützbalken eingezogen werden, um die Statik wieder zu gewährleisten. „Für mich war es insgesamt eine schöne Baustelle“, sagte Koester, der normalerweise auf viel größeren Baustellen arbeitet, auf Nachfrage. Der Zimmermann ist überhaupt fasziniert von diesem kleinen, aber feinen Kirchenbau in Groß-Rohrheim mit seiner langen Geschichte.
Koester lobte auch die gute Zusammenarbeit mit Förderverein und Kirchenvorstand. Keine Probleme gab es auch mit dem Denkmalschutzamt, etwa als es darum ging die Fensterform des Kirchturm wieder in ihren Urzustand zu versetzen. Vor rund 70 Jahren hatte man die bei einer Sanierung etwas anders neu gebaut. Nun sind die roten Turmfenster wieder so, wie sie ursprünglich einmal waren. Koester hatte die Idee des leuchtenden Sterns in der Adventszeit unterstützt. Den konnte man aufhängen solange das Baugerüst noch stand.
Zum anschließend Gemeindefest im Kirchgarten (es gab Kaffee und Kuchen und später legte auch ein DJ auf) hatte man jede Menge Angebote auch zum Mitmachen vorbereitet. Organisiert wurde das Ganze von Sandra Olf und Katrin Pietschmann. Walter Öhlenschläger vom Heimt- und Geschichtsverein bot mehrere Führungen rund um die Kirche an. So erfuhren die Zuhörer unter anderem von der zugemauerten Tür auf der Rückseite, dass dies mal ein direkter Zugang zum Friedhof war, der sich einst im Kirchgarten, direkt neben dem Kirchengebäude, befand. Bei Bauarbeiten wurden menschliche Knochen entdeckt. Die Zuhörer lauschten Öhlenschlägers Ausführungen über die Ehefrau eines Pfarrers, die im Jahr 1715 nach der Geburt ihres zwölften Kindes verstarb und dann in der Kirche beigesetzt wurde und zur Bedeutung der zwei Hochwassermarken an der Friedhofsmauer.
Das große Rheinhochwasser vom Januar 1880 hatte damals das gesamte Ried unter Wasser gesetzt und auch viele Opfer gekostet. Da die Groß-Rohrheimer Kirche am höchsten Punkt im Ort erbaut wurde und der Kirchenraum zudem etwas erhöht ist, konnten einige Landwirte hier ihr Vieh kurzzeitig unterstellen und es so vor den eisigen Fluten retten. Die Chronik vermerkt hier unter anderem 34 Kühe, zwei Pferde und 18 Schweine. „Es wird übrigens vermutet, dass die Rohrheimer Kirche auf einem einstigen Keltengrabhügel errichtet wurde, denn beim Bau wurden menschliche Knochen aus der Frühzeit gefunden“, ergänzte Öhlenschläger.
