Weiterstadt (gr). Auf der Leinwand wird man ihn noch einmal antreffen können, und das gleich mehrmals: Jochen Pollitt prägte über Jahrzehnte das Open-Air-Filmfest, das er mit aufgebaut und in seiner direkten-offenen Art auch als Moderator geprägt hatte. In den letzten Jahren überließ er die Filmauswahl mehr der nächsten Generation. Aber in vielen hier gedrehten Beiträgen wie „Winter in Weiterstadt“ – der in Wahrheit im Mai entstand – oder „Jochen sendet Grüße nach Hamburg“ kann man den versierten Kinomann nochmals sehen. Nicht mehr erleben durfte der im Januar zu früh verstorbene Jochen Pollitt das große Jubiläumsprogramm vom 13. bis 17. August aus aktuellen Werken zwischen Spiel-, Dokumentar-, Experimental- und Animationsfilm und Highlights aus der Festivalhistorie
Jubiläumsprogramm vom 23. bis zum 18. August
Über die vertretenen Filmländer sagt Andreas Heidenreich vom Team: „Von Grönland bis Somalia, von Japan bis Mexiko, von Kambodscha bis China, von Ägypten bis Ecuador – die meisten Filme kommen ganz klar aus Deutschland. Iran hat den zweiten Platz verloren – um ihn streiten sich Frankreich und Kanada!“
Fünf Jahrzehnte Filme, ein Film-Poetry-Slam
Fünf Programme halten eine Auswahl aus fünf Jahrzehnten bereit. Dazu kommt noch der Film-Poetry-Slam am Freitag, dem 14. August, um 18.30 Uhr, im Filmzelt, bei dem vier Wortakrobaten vier ältere Kurzfilme in lyrischen Worten interpretieren. Freitags und samstags wird ab 1 Uhr nachts der 35-mm-Projektor im Braunshardter Tännchen angeworfen, um beliebte Klassiker wieder aufleben zu lassen. Hier trifft man auf die blutig-absurde Lehrfilm-Parodie „Staplerfahrer Klaus – Der erste Arbeitstag“, Zoltan Spirandellis Mitsingfilm „Der Hahn ist tot“, das Road-Movie „Halleluja“ des im letzten Jahr verunglückten Bernhard Marsch, oder die Satire „Frankfurt fühlen“ des bei Dreharbeiten verunglückten Martin Kirchberger. Schräge Stoptrickfilme wie Jim Lacys „Die schiefe Bahn“ fehlen ebenso nicht. Das Retroprogramm umfasst über 30 Filme.
Fünfstündige Zeitreise in die Super-8-Welt
Parallel zur Auswahl im Filmzelt begibt man sich am Samstag, dem 15. August, ab 16 Uhr, auf eine rund fünfstündige Zeitreise in die Super8-Welt. Im Kommunalen Kino zeigt Carsten Stracke Arbeiten aus den Achtzigern. Es folgen sechs Weiterstadt-Werke von Stammgästen wie Dagie Brundert, Stefan Möckel oder den Pollitt-Brüdern. Holger Tepe kommentiert live einige Filme, bevor Manuel Francescon auf dreißig Jahre „Filmhirsch“-Gewinner zurückblickt. Seine witzigen Siegerfilme wie „Weiterstadt von unten“ über die Expedition in angebliche Katakomben kommen besonders zur Geltung. Der aktuelle Kurzfilmwettbewerb startet dann um 22 Uhr im Tännchen.
Danach kann man sich auf die drei Gewinner des Satirischen Kurzfilmpreises Rüsselsheim freuen. Oscar Jacobsons Trickfilm „The Undying Pain of Existence“ verfolgt die Leiden eines männlichen Aktmodells bei einem Zeichenkurs, der bei gebotener Selbstbeherrschung von einer fiesen Schnake geplagt wird. Virtuos spielt er dabei mit unterschiedlichen Stilen vom Cartoon über Anime bis zu Kunstzitaten und surrealen Einschüben aus zerfließenden Farben.
Jens Rosemann und David Held setzten ihre schwarze Weltuntergangskomödie „Immerhin“ in reduzierter Grafik an David Sicks „Send Nudes“ greift mit kubistischen Figuren auf die Kunsthistorie zurück. Eine geheime Mittelalter-Affäre per Brieftauben-Kontakt erweist sich in der Gegenwart alles andere als verborgen. Der vierte Trickfilm „Cheese Land“ aus dem Rüsselsheim-Programm um den Krieg vierer Käsekulturen ist ebenfalls vertreten.
