Region (rd). „Den Tod umarmen“ heißt eines der Bücher von Christina Gann. Doch wer mit ihr spricht, merkt schnell: Eigentlich geht es ihr vor allem darum, das Leben zu umarmen. Um es bewusst zu leben, Ängste zu überwinden und miteinander statt gegeneinander unterwegs zu sein. Vieles davon hat die ehemalige Hospizleiterin durch die Menschen gelernt, die sie beim Sterben begleitet hat. Anderes durch ihre eigene Krebserkrankung. Und manches beim Laufen. Nun verbindet sie all diese Erfahrungen zu einem außergewöhnlichen Projekt: Am 9. September soll ihr „Lauf gegen die Angst“ beginnen. 725 Kilometer entlang des Rheins liegen vor ihr, verteilt auf 35 Tage. Doch die Kilometer sind für sie nicht das eigentliche Ziel. Es geht um Begegnungen, Gespräche und um ein Thema, das viele Menschen lieber weit von sich schieben: die eigene Endlichkeit.
Mit Tod und Sterben beschäftigt sich Gann schon lange. Bereits als Kind habe sie großes Leid nur schwer ertragen können. Als ihre ältere Schwester beinahe starb, war sie vier Jahre alt. Später versuchte sie zu verstehen, warum Menschen leiden und was das Leben ausmacht. Mit 20 kaufte sie sich ihr erstes Philosophiebuch über den Sinn des Lebens.
Eine Begegnung, die sie nie vergessen hat
Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester begleitete sie mit Anfang 20 zum ersten Mal einen sterbenden Menschen. Der wohnungslose Mann habe große Angst gehabt und sei zum Sterben in ein Badezimmer abgeschoben worden. Gann konnte nichts mehr für ihn tun, außer bei ihm zu sitzen und seine Hand zu halten. „Dieses würdelose Abschiednehmen hat tiefe Spuren in mir hinterlassen“, sagt sie. Mehr als 30 Jahre später beschäftigt sie diese Erfahrung noch immer. Es folgten viele Jahre, in denen Sterben und Abschied auch beruflich zu ihrem Leben gehörten. Gann arbeitete unter anderem als Hospizleiterin und begleitete zahlreiche Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Später wurde sie selbst mit einer schweren Erkrankung und damit mit der eigenen Verletzlichkeit konfrontiert.
Dabei habe die Krebserkrankung ihren Blick auf das Leben weniger grundlegend verändert, als man vermuten könnte. Sie habe bereits zuvor bewusst gelebt. Verändert habe sich jedoch ihr Umgang mit sich selbst: Sie begann, stärker auf die eigenen Bedürfnisse zu achten.
Und sie begann zu laufen. Heute läuft sie ohne Uhr, ohne Kilometerzähler und ohne vorgegebenes Tempo. „Der Weg ist das Ziel“, beschreibt sie ihre Haltung. Vogelgezwitscher, Natur und die Freude an der Bewegung seien für sie wichtiger als sportliche Leistungswerte. Auch bei der Vorbereitung auf die 725 Kilometer will sie diese Leichtigkeit nicht verlieren.
Warum ausgerechnet der Rhein?
Dass ihr großer Lauf am Rhein entlangführt, ist kein Zufall. Für Gann steckt der Fluss voller Symbolik. „Wasser ist Leben“, sagt sie. Alles sei in Bewegung, alles verändere sich. Gleichzeitig verbinde der Rhein Länder und Regionen und trenne sie an anderer Stelle. Wer das andere Ufer erreichen wolle, müsse eine Seite verlassen und brauche dafür eine Brücke. Auch das Thema Sterben begleitet die Route. Der Rhein führt durch die Schweiz, Deutschland und die Niederlande, Länder mit unterschiedlichen gesetzlichen Regelungen zum assistierten Suizid. Gann möchte Menschen deshalb auch dazu bringen, darüber nachzudenken, „in was für einer Gesellschaft sie leben und schließlich sterben wollen“. Vor allem aber möchte sie weg vom Entweder-oder. Leben und Tod gehören für sie zusammen. Aus ihrer Hospizarbeit kennt sie Situationen, in denen in einem Raum gemeinsam gegessen, Musik gehört und das Leben gefeiert wurde, während nebenan ein Mensch starb. Freude und Trauer können gleichzeitig existieren.
Jeder Kilometer kann eine Begegnung werden
Und genau deshalb möchte Christina Gann die 725 Kilometer nicht einfach allein absolvieren. Menschen dürfen sich ihr anschließen: Für eine Etappe oder auch nur für einen einzelnen Kilometer. Dabei geht es ausdrücklich nicht um sportliche Höchstleistungen.
„Jeder einzelne Kilometer, den ich mit einem Menschen gemeinsam zurücklegen darf, ist etwas Besonderes“, sagt sie. Ihre Einladung richtet sich an Junge und Alte, Trainierte und Untrainierte, Familien mit Kinderwagen ebenso wie Menschen im Rollstuhl. Gemeinsam laufen bedeutet für sie Begegnung: miteinander reden, voneinander lernen, aufeinander warten und sich gegenseitig die Hand reichen. Was nach großer Entschlossenheit klingt, ist dennoch nicht frei von Unsicherheit. Vor der Distanz habe sie Respekt, räumt Gann ein. Und es gibt noch eine andere Sorge: „Ich habe ein kleines bisschen Angst, dass sich niemand anschließen möchte.“ Umso wichtiger ist ihr, dass Menschen schon jetzt von dem Projekt erfahren. Neben Mitläufern sucht sie Sponsoren und Unterstützer. Sie wünscht sich außerdem Menschen, die zu den Veranstaltungen kommen, von dem Lauf erzählen und Informationen über ihre eigenen Netzwerke weitertragen
„Den Tod umarmen und das Leben feiern“
Unterwegs soll es nicht beim gemeinsamen Laufen bleiben. An mehreren Stationen sind Abendveranstaltungen geplant. Dort will Gann erzählen, aus ihrem Buch „Den Tod umarmen“ lesen und sich gemeinsam mit den Besuchern einem Thema nähern, das nach ihrer Erfahrung noch immer tabuisiert wird. Musikalische Begleitung soll ebenfalls Teil der Abende sein.
Denn für Gann führt die Beschäftigung mit dem Tod keineswegs weg vom Leben, im Gegenteil. „Nur er zeigt uns, wie wertvoll unser Leben ist“, sagt sie. Das Leben finde nicht gestern oder morgen statt, sondern jetzt. Viele der Menschen, die sie während ihrer beruflichen Laufbahn begleitet hat, sind für sie zu Lehrmeistern geworden. Sie hat erlebt, wie Menschen friedlich und würdevoll Abschied nahmen, aber ebenso erfahren, wie schwer es sein kann, keinen inneren Frieden zu finden. „Ich kann die Menschen nicht verändern, ich kann die Welt nicht retten“, sagt Gann. Aber jeder könne seinen eigenen Beitrag leisten, damit die Welt ein kleines bisschen besser werde.
Vielleicht werden die 725 Kilometer deshalb tatsächlich nur der Anfang sein. Gann kann sich vorstellen, später weitere Flussläufe zu unternehmen, deutschlandweit, vielleicht sogar europaweit. Doch zunächst wartet der Rhein. Und auf diesem Weg hofft sie auf möglichst viele Menschen, die ein Stück mit ihr gehen.
Los geht es am 9. September diesen Jahres in Basel. Von dort führt die insgesamt 725 Kilometer lange Strecke über 35 Tage durch die Schweiz und Deutschland bis nach Arnheim in den Niederlanden, wo Gann am 12. Oktober ihr Ziel erreichen will. Auch durch die Region führt ihr Weg: Am 23. September steht Gernsheim als Station auf dem Plan. Am folgenden Tag geht es weiter nach Nierstein. Damit bietet sich gerade für Menschen aus dem Ried die Gelegenheit, den „Lauf gegen die Angst“ nicht nur aus der Ferne zu verfolgen, sondern Christina Gann auf einem Stück ihres Weges selbst zu begleiten.
Weitere Infos und Kontakt:
christinagann.de
