Pfungstadt-Stadtteile (rd). Wenn der Melder Alarm schlägt, bleiben den Einsatzkräften der Freiwilligen Feuerwehr Pfungstadt-West nur wenige Minuten. Sie kommen von zu Hause, aus dem Garten oder von der Arbeit zum Feuerwehrhaus, ziehen ihre Einsatzkleidung an, besetzen die Fahrzeuge und rücken aus. Das erste Fahrzeug soll in der Regel innerhalb der gesetzlichen Hilfsfrist – in Hessen zehn Minuten – am Einsatzort eintreffen. Was heute für die rund 45 Frauen und Männer der Einsatzabteilung selbstverständlich ist, hat eine Vorgeschichte: Vor 20 Jahren wurden die zuvor eigenständigen Einsatzabteilungen von Eschollbrücken, Hahn und Eich zur Freiwilligen Feuerwehr Pfungstadt-West zusammengeführt.
Anders als Wehrführer Steffen Koch, hat Rainer Diefenbach diesen Weg von Anfang an miterlebt. Der 50-Jährige gehört seit 1994 der Einsatzabteilung an und war später rund 15 Jahre in der Wehrführung von Pfungstadt-West tätig. Heute ist er weiterhin als Zugführer aktiv und engagiert sich zudem in der Leitung der Kinderfeuerwehr. Im Mai 2026 übernahm Steffen Koch das Amt des Wehrführers zusammen mit dem neuen Stellvertreter Jakob Klingelhöfer.
Die Überlegungen für eine gemeinsame Feuerwehr reichen deutlich weiter zurück als bis ins Jahr 2006. In allen drei Stadtteilen bestanden damals eigene Feuerwehrhäuser. Diese entsprachen jedoch zunehmend nicht mehr den baulichen und technischen Anforderungen. Die Stadt hätte letztlich an drei Standorten investieren müssen. Gleichzeitig liegen Eschollbrücken, Hahn und Eich so dicht beieinander, dass innerhalb der Feuerwehren eine andere Idee entstand.
„Warum gehen wir nicht diesen Schritt und machen aus drei eins?“, beschreibt Diefenbach den damaligen Gedanken. Wichtig sei gewesen, dass die Initiative aus den Reihen der Feuerwehren selbst gekommen sei. Denn einfach mehrere Wehren auf dem Papier zusammenzulegen, funktioniere nicht zwangsläufig. Schließlich müssen die ehrenamtlichen Einsatzkräfte ihren Standort nach einer Alarmierung schnell erreichen können. Der Zusammenschluss geschah deshalb auch nicht von heute auf morgen. Schon Jahre zuvor begannen die drei Einsatzabteilungen, häufiger gemeinsam zu üben und Ausbildungen zusammenzulegen. Was angesichts der kurzen Entfernungen heute selbstverständlich erscheint, sei damals keineswegs üblich gewesen. Von den ersten Überlegungen bis zum gemeinsamen Feuerwehrhaus vergingen fast zehn Jahre.
Im September 2006 folgte schließlich die konstituierende Sitzung der neuen Feuerwehr Pfungstadt-West. Die bisherigen Führungsstrukturen der drei Einsatzabteilungen wurden aufgelöst und gemeinsam neu aufgestellt. Das heutige Feuerwehrhaus war zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig. Erst im Mai 2007 bezogen die Einsatzkräfte ihren neuen Standort im Floriansweg. Gemeinsam mit den Kameradinnen und Kameraden aus der Kernstadt, deren Feuerwehrhaus sich in der Mühlstraße befindet, bilden sie die Feuerwehr der Stadt Pfungstadt.
Auch die Nachwuchsarbeit spielt eine wichtige Rolle. Zur Jugendfeuerwehr Pfungstadt-West, die von Manuel Hain geleitet wird, gehören derzeit 19 Jugendliche zwischen zehn und 17 Jahren. Hinzu kommt die Kinderfeuerwehr mit 15 Mitgliedern.
Rund 45 Frauen und Männer bilden aktuell die Einsatzabteilung. Auf sie kommen im Durchschnitt etwa 60 bis 80 Einsätze pro Jahr zu. Mit dem neuen Standort änderte sich auch das Einsatzgebiet: Seitdem gehört unter anderem ein Abschnitt der A67 dazu. Mal bleibt es über längere Zeit ruhig, dann folgen innerhalb weniger Tage mehrere Alarmierungen.
Planbar ist das nicht. Planbar ist lediglich die Ausbildung. Jeden Montag treffen sich die Aktiven von 19.30 bis 22 Uhr. Der Themenkatalog ist umfangreich: richtiges Vorgehen bei Gebäudebränden, Waldbrandbekämpfung, technische Hilfe bei Verkehrsunfällen, Erste Hilfe, Fahrzeug- und Gerätetechnik oder der Umgang mit Messgeräten gehören ebenso dazu wie rechtliche Fragen.
Nicht jeder in der Freiwilligen Feuerwehr übernimmt dabei jede Aufgabe. Etwa die Hälfte der Einsatzkräfte am Standort ist etwa für den Einsatz unter Atemschutz qualifiziert. Dafür sind zusätzliche Ausbildung, medizinische Untersuchungen und regelmäßige Belastungsübungen notwendig.
Auch der Umgang mit belastenden Einsätzen hat sich verändert. Diefenbach erinnert sich an seine Anfangsjahre in den 1990ern, als eine organisierte Nachsorge noch nicht den heutigen Stellenwert hatte. Nach einem seiner ersten schwierigen Einsätze habe er mit seiner Frau zu Hause gesprochen, um das Gesehene zu verarbeiten. Heute können Einsatzkräfte unter anderem auf die Notfallseelsorge zurückgreifen. Diese kann nach belastenden Ereignissen für eine ganze Mannschaft hinzugezogen, aber auch von einzelnen Feuerwehrleuten vertraulich in Anspruch genommen werden.
Eine weitere Veränderung ist die digitale Technik. Über eine App können die Feuerwehrleute bei einer Alarmierung zurückmelden, ob sie kommen. Die Führungskräfte sehen dadurch frühzeitig, mit wie viel Personal sie rechnen können. Das ist wichtig, denn 45 Mitglieder bedeuten nicht, dass bei jedem Alarm 45 Menschen zur Verfügung stehen. Einige sind im Urlaub, krank, arbeiten im Schichtdienst oder befinden sich weit außerhalb Pfungstadts an ihrem Arbeitsplatz. Dass eine Freiwillige Feuerwehr dennoch rund um die Uhr funktionieren muss, gehört für Koch zu den Seiten des Ehrenamts, die vielen Bürgerinnen und Bürgern kaum bewusst sind. Übungen und Ausbildungsabende stehen im Kalender. „Alles andere kannst du bei uns nicht planen.“ Wenn der Melder geht und eine Einsatzkraft verfügbar ist, heißt es: losfahren.
Neben der Einsatzabteilung gibt es den Feuerwehrverein. Beide Bereiche sind klar voneinander zu unterscheiden: Die Feuerwehr selbst ist eine Einrichtung der Stadt Pfungstadt. Veranstaltungen wie Feuerwehrfeste werden dagegen vom privatrechtlichen Feuerwehrverein getragen. Was einst mit einem Tag der offenen Tür am neuen Standort begann, hat sich längst zu einer festen Veranstaltung entwickelt. Gerade der Freitagabend zieht nach Angaben von Steffen Koch inzwischen 600 bis 700 Besuchende auch aus umliegenden Orten an.
Zum 20-jährigen Bestehen haben sich die Feuerwehrleute zudem etwas Besonderes gegönnt: Ein Graffiti schmückt den Standort und greift Motive der Feuerwehr auf. Die Idee dazu entstand in der Wehrführung und wurde gemeinsam mit einem Künstler umgesetzt.
Für Diefenbach und Koch ist das Jubiläum vor allem ein Anlass zurückzublicken. Aus drei eigenständigen Einsatzabteilungen ist über viele Jahre eine gemeinsame Feuerwehr geworden. Und manche der Jugendlichen, um die sie sich einst selbst gekümmert haben, sitzen heute neben ihnen im Einsatzfahrzeug. Wenn der Melder geht, zählt ohnehin nicht mehr, aus welchem der drei Stadtteile jemand ursprünglich kommt. Dann zählt nur, dass genügend Ehrenamtliche innerhalb weniger Minuten unterwegs sind.

