Griesheim (red/hst). Seit rund zehn Jahren gibt es den Arbeitskreis Asyl (AK) mittlerweile in Griesheim und vieles hat sich verändert. Viele der Helfenden seien bereits seit rund zehn Jahren dabei, viele seien aber nicht mehr oder nur noch eingeschränkt aktiv. Es kämen laut AK Asyl aber auch immer wieder neue Helferinnen und Helfer hinzu. Der AK Asyl hat jetzt in seiner Klausurtagung die vergangenen Jahre Revue passieren lasen und blickt auf vieles zurück, was die Helferinnen und Helfer geleistet haben. Aber er blickt auch auf die Zukunft, denn insgesamt habe sich das Aufgabengebiet stark verändert.
Frustration über politische Lage und wenig Empathie
Einige Helfer:innen würden zwar aktuell nicht mehr regelmäßig mitarbeiten, es bestünde aber immer durchaus noch ein lockerer Kontakt und man könne in manchen Fällen auf sie zurückgreifen. Für das Ausscheiden von Aktiven gebe es vielerlei Gründe, so der AK Asyl: „Zum einen die Frustration über die politische Lage, die von Unmenschlichkeit und kaum noch Mitgefühl gegenüber Geflüchteten geprägt ist.“ Auch die zunehmend schärfere Gangart in der Bürokratie fordere mehr Zeit von den Helfenden, um den Geflüchteten zu ihrem Recht zu verhelfen. „Manche Helfende sehen wegen der vielen Hürden ihre Arbeit als vergebliche Liebesmühe an“, erklärt der Arbeitskreis.
Hinzu komme, dass zahlreiche Ehrenamtliche, die vor rund zehn Jahren kurz vor oder nach dem Eintritt in den Ruhestand standen, inzwischen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr mitarbeiten könnten. Bei anderen haben sich durch Beruf, Familie oder weitere politische und ehrenamtliche Tätigkeiten die persönlichen Schwerpunkte verändert.
Aufgaben für AK Asyl haben sich verändert
Auch die Aufgaben des AK Asyl haben sich im Laufe der Jahre gewandelt. Anfangs habe vor allem die Unterstützung beim Ankommen und bei der ersten Orientierung in Griesheim im Mittelpunkt gestanden. Später habe die individuelle Begleitung einzelner Geflüchteter an Bedeutung gewonnen, teilweise über viele Jahre hinweg. Hinzu kämen Aufgaben, die nach Einschätzung des Arbeitskreises durch professionelle Angebote nicht ausreichend abgedeckt würden, etwa Unterstützung in Gesundheitsfragen.
Andere Tätigkeitsbereiche hätten dagegen an Bedeutung verloren oder würden inzwischen anderweitig übernommen. Hausaufgabenhilfe werde mittlerweile unter anderem von mehreren Schulen angeboten. Teams für Verkehrserziehung, Unterstützung beim Führerscheinerwerb sowie für Arbeit und Ausbildung seien nicht mehr aktiv. Bei Fragen zu Ausbildung und Arbeit würden Patinnen und Paten die Geflüchteten deshalb individuell unterstützen. Auch das Fahrradteam arbeite nur noch dienstags in der Hintergasse 1. Durch die langjährige Arbeit beim AK Asyl hätten einzelne Ehrenamtliche besonderes Fachwissen entwickelt, das auch von anderen punktuell nachgefragt würde. Darin sieht der AK zugleich eine Herausforderung: Wissen soll künftig breiter verteilt und für weitere Helfende zugänglich gemacht werden, damit wichtige Aufgaben nicht von einzelnen Personen abhängen. Dafür werden nach Einschätzung der Aktiven auch neue Ehrenamtliche benötigt.
Wohnungsnot ist ein immer größer werdendes Problem
Ein wachsendes Problem ist zudem die Wohnungsnot. Bezahlbarer Wohnraum sei schwer zu finden, zugleich werde die Finanzierung durch die zuständigen Behörden aus Sicht des AK Asyl zunehmend unzureichend. Verändert habe sich auch die Situation der Geflüchteten selbst. Viele stünden inzwischen weitgehend auf eigenen Beinen und würden nur noch punktuell Unterstützung benötigen. Gleichzeitig gebe es nach den Erfahrungen des Arbeitskreises zunehmend Menschen mit gleich mehreren Problemen und entsprechend hohem Hilfebedarf. Für die Ehrenamtlichen bedeute dies auch eine stärkere Auseinandersetzung mit den eigenen Grenzen, mit nachlassenden Kräften und mit Situationen, in denen trotz großen Einsatzes keine Lösung gefunden werden könne.
Rahmenbedingungen werden immer schwieriger
Als schwieriger beurteilen die Aktiven auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Weniger Geflüchtete würden in Deutschland aufgenommen und die Sprachförderprogramme seien gestrichen oder der Zugang dazu erschwert worden. Außerdem seien Sprachmittlerdienste eingestellt worden. Zugleich habe sich die gesellschaftliche Stimmung von der früheren Zuversicht des Satzes „Wir schaffen das“ hin zu einer stärkeren Angst vor Fremden verändert.
Zahlreiche Erfolge der Arbeit des AK Asyl
Dem stehen aus Sicht des Arbeitskreises zahlreiche Erfolge gegenüber. So hätten örtliche Rahmenbedingungen verbessert werden können, etwa durch die Betreuung durch die Stadt und den Sozialkritischen Arbeitskreis Darmstadt anstelle des Landkreises. Als positiv bewertet wird außerdem die gewachsene Vernetzung in Griesheim. Sie ermögliche Begegnungen im Alltag und schaffe durch das Engagement von Aktiven in weiteren Vereinen und Gemeinschaften zusätzliche Verbindungen. Auch Veranstaltungen wie ein Benefizkonzert seien dadurch möglich geworden. Die Zehn-Jahres-Feier vor zwei Jahren habe zudem die Bedeutung der Arbeit und die Wertschätzung für das Engagement deutlich sichtbar gemacht.
Auch für die Helfenden selbst habe die langjährige Arbeit Veränderungen gebracht. Auf die anfängliche Begeisterung sei ein realistischeres Bild gefolgt. Sie hätten gelernt, Geflüchtete stärker in ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und ihre jeweiligen Hintergründe besser zu verstehen. Zugleich würden die Aktiven durch ihre Arbeit mehr Wissen über Entwicklungen und Konflikte in verschiedenen Teilen der Welt erhalten. Eine weitere Erfahrung sei, dass Geflüchtete häufig selbst freiwillige Gegenleistungen anbieten würden, um nicht ausschließlich Hilfe annehmen zu müssen.
Im Landkreis seien inzwischen viele Arbeitskreise nicht mehr aktiv. Zugleich würden Gemeinschaftsunterkünfte in Griesheim stärker in Anspruch genommen. Viele Geflüchtete würden sich im Ausländerbeirat engagieren. Darin sieht der AK Asyl Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit und für zusätzlichen Einfluss auf Entwicklungen in Griesheim.
Herausforderungen für die zukünftige Arbeit des AK Asyl
Für die künftige Arbeit will sich der AK Asyl organisatorisch und inhaltlich neu aufstellen. Dazu gehöre zunächst, mehr Informationen über die Auswirkungen veränderter rechtlicher Rahmenbedingungen auf Geflüchtete und auf Beschäftigte, etwa in Jobcenter, Jugendamt und Ausländerbehörden, zu beschaffen. Auch die verschiedenen Möglichkeiten des Aufenthaltsstatus sowie der rechtliche Rahmen bei drohenden Abschiebungen sollen stärker in den Blick genommen werden.
Zugleich sollen Doppelungen zwischen dem Gesamtarbeitskreis und den Treffen der Teamsprecher reduziert werden. In den Sitzungen des AK sollen künftig weniger einzelne Fälle und stärker übergreifende sowie politische Themen behandelt werden. Die Patentreffen sollen neben individuellen Problemen auch dem Austausch über vorhandenes Spezialwissen, mögliche Synergien, persönliche Belastungsgrenzen, nachlassende Ressourcen und mögliche Nachfolgeregelungen dienen. Auch der Umgang mit moralischer Verantwortung und deren Grenzen soll thematisiert werden.
Das Sprachcafé soll künftig verstärkt genutzt werden, um Geflüchtete über Themen zu informieren, die sie unmittelbar betreffen. Geplant ist außerdem ein Newsletter, für den die Aktiven ihre aktuellen Erfahrungen und Tätigkeiten kurz an das Team Öffentlichkeitsarbeit weitergeben. Ergänzend soll ein lockerer Treff für den persönlichen Austausch eingerichtet werden.
Darüber hinaus will der AK Asyl politische Einflussmöglichkeiten stärker nutzen. Das politische Umfeld in Griesheim werde dabei als „recht aufgeschlossen“ eingeschätzt. Außerdem sollen Akteure wie Pro Asyl stärker berücksichtigt werden.
Neue Ehrenamtler für den AK Asyl gewinnen
Ein weiterer Schwerpunkt bleibe die Gewinnung ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer. Beim Begegnungsfest des Ausländerbeirats der Stadt Griesheim am 15. August rund um die Wagenhalle will der AK Asyl deswegen über seine aktuellen Vorhaben informieren und Menschen für eine Mitarbeit in den Teams gewinnen. Daneben besteht die Möglichkeit, die Arbeit mit Spenden zu unterstützen.
Kontakt: asylgriesheim.de
