Kreis Darmstadt-Dieburg/Griesheim (ps). Die für 2030 geplante Korridorsanierung der Main-Neckar-Bahn zwischen Frankfurt und Heidelberg wurde von Bund und Bahn auf einen noch offenen Zeitpunkt nach 2031 verschoben. In dieses Zeitfenster waren bislang Sperrpausen eingebettet, die auch für den Neubau der Rheinstraßenbrücke benötigt werden (wir haben berichtet). Somit gibt es derzeit keinen verbindlichen Zeitplan für den Abriss und den Neubau der Rheinstraßenbrücke. Bislang war vorgesehen, die Bestandsbrücke zum Jahreswechsel 2027/2028 abzureißen. Es droht nun eine jahrelange Zwangspause des Straßenbahnverkehrs zwischen Griesheim und Darmstadt ab 2027.
Die Stadt Griesheim befinde sich daher in „einer äußerst misslichen Lage“, erklärt die Zwiebelstadt auf Anfrage der Redaktion. Für die Stadt wäre eine jahrelange Sperrung des Schienenverkehrs in Richtung Darmstadt ein „untragbarer Zustand“, da er den Alltag vieler Pendlerinnen und Pendler erheblich beeinträchtigen würde.
In Griesheim hofft man deshalb, dass die Brücke vielleicht länger als bisher geplant für den S-Bahnverkehr offen bleiben könnte. „Die Sicherheit für einen möglichst langen Betrieb der Straßenbahn steht selbstverständlich an erster Stelle“, erklärt Griesheims Bürgermeister Geza Krebs-Wetzl in einer Mitteilung des Kreises Darmstadt-Dieburg. „Wenn die technischen Prüfungen einen Weiterbetrieb zulassen, sollte diese Möglichkeit aber genutzt werden. Solange die Brücke offen ist, kommen die Fahrgäste direkt und ohne Umsteigen ans Ziel.“
Da die bislang vorgesehenen Termine für den Abbruch und mögliche Zeitfenster für den Neubau nach derzeitigem Stand nicht mehr gehalten werden können, wird die Brücke zunächst auch nicht wie geplant abgebrochen. „Die Straßenbahn kann daher länger als bis Ende 2027 über die Bestandsbrücke fahren – vorausgesetzt, ihr Zustand lässt dies weiterhin zu“, erklärt der Darmstädter Stadtrat Paul Georg Wandrey auf Anfrage der Redaktion. Die Brückenprüfungen finden halbjährlich statt, die nächste ist bereits für November vorgesehen. Nach der aktuellen Bewertung hat die Brücke die Zustandsnote 3,8. „Wird bei einer Prüfung die Note 4,0 erreicht, muss der Straßenbahnbetrieb über die Brücke eingestellt und die Brücke vollständig gesperrt werden“, so Wandrey. Dann wäre übrigens auch kein Bahnbetrieb unter der Brücke mehr möglich. Der Stadtrat will sich weiter dafür einsetzen, dass die Baumaßnahmen doch noch im ursprünglich vorgesehenen Zeitraum von 2028 bis 2030/2031 umgesetzt werden.
Der Erste Kreisbeigeordnete, Lutz Köhler, kündigte bereits ein „starkes Busangebot“ an. Man wolle umsteigefreie Busverbindungen von Griesheim in die Darmstädter Innenstadt sowie aus dem Ried direkt zum Darmstädter Hauptbahnhof anbieten. Ergänzend sollen Busse zwischen Griesheim und dem Hauptbahnhof verkehren.
Laut der Heag Mobilo besteht das Konzept derzeit aus drei Bausteinen:
• einem Schienenersatzverkehr zwischen Darmstadt Hauptbahnhof und Griesheim, der je nach Wochentag und Tageszeit nachfragegerecht zwischen alle 5 und alle 30 Minuten fährt
• der Verlängerung der Dadina-Linien GB, MO1 und RH vom Darmstädter Hauptbahnhof bis nach Griesheim
• der Verlängerung einzelner Regionalbuslinien aus dem Westkreis vom Griesheimer Platz Bar-le-Duc bis zum Darmstädter Hauptbahnhof
„Wir haben in den vergangenen Jahren bei zahlreichen Baustellen Erfahrung mit Ersatzverkehren gesammelt. Auf dieser Grundlage gehen wir davon aus, dass das Konzept praxistauglich ist. Sollte sich nach dem Start zeigen, dass an einzelnen Stellen nachgesteuert werden muss, etwa beim Takt oder bei der Linienführung, können wir kurzfristig reagieren und Anpassungen umsetzen“, erklärt die Heag Mobilo auf Anfrage der Redaktion.
Für Landrat Klaus Peter Schellhaas ist das Vorgehen der Bahn unerklärlich: „Es ist nicht hinnehmbar, dass ein wichtiger Teil des Oberzentrums mit Autobahnanschluss und die größte Kommune des Landkreises nicht wissen, wie es weitergeht. Diese Hängepartie kann weder den Kommunen noch den Menschen in der Stadt und im Landkreis zugemutet werden.“
Der Landkreis und die Stadt Griesheim suchen derzeit den Schulterschluss mit der Stadt Darmstadt, um sich gemeinsam gegenüber Bund und Bahn für verlässliche Sperrpausen einzusetzen. Dabei müssten sowohl die Belange des öffentlichen Nahverkehrs als auch die Auswirkungen auf den Individualverkehr berücksichtigt werden.
Die IHK Darmstadt mahnt in einer Stellungnahme, dass die Verschiebung des Neubaus der Rheinstraßenbrücke nicht zu einem Stillstand führen dürfe. Daniel Theobald, Geschäftsbereichsleiter Unternehmen und Standort, führt den Neubau der Zeller Brücke bei Bad König im Odenwaldkreis als positives Beispiel an. Wichtig sei, dass gemeinsam ein belastbarer Zeitplan erarbeitet werde. „Unternehmen sowie Pendlerinnen und Pendler brauchen Klarheit darüber, wie es weitergeht. Planungssicherheit ist die Grundlage für Akzeptanz.“
Dass gar keine Züge mehr unter der Brücke fahren dürfen und Darmstadt vom Schienenverkehr abgeschnitten ist, dürfe jedoch auf keinen Fall passieren. „Darmstadt ist das wirtschaftliche Zentrum Südhessens und steht für Forschung und Technologie auf höchstem Niveau – Stadt und Region brauchen eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur“, so Theobald.
