Gräfenhausen (sas). Brücke aus dem Stand, Spagat am Boden oder stehend auf einem Bein – solche Turnübungen sind für Giuliana ein echter Klacks. Die sechsjährige Giuliana Triller aus Gräfenhausen zeigt im Wohnzimmer ihrer Eltern, was sie kann, und ist kaum zu bremsen dabei. Als eines von ganz wenigen Kindern hat sie vergangenes Jahr die Aufnahmeprüfung für die renommierte Turntalentschule des Deutschen Turnerbundes (DTB) in Frankfurt geschafft, wo sie seitdem unter professionellen Bedingungen trainieren kann – eine absolute Seltenheit für Kinder aus der Region.
Das Talent von der Mutter
Giulianas Talent kommt nicht von ungefähr: Ihre Mutter Christine Triller war selbst in jungen Jahren als rhythmische Sportgymnastin aktiv und entsprechend sensibel für das Talent ihrer Tochter. Die junge Familie Triller, bestehend aus den Eltern Giuliana (33 Jahre) und Konstantin (38 Jahre) und dem viermonatigen Bruder Leonardo, stammt aus Worms und ist vergangenes Jahr nach Gräfenhausen gezogen.
„Schon mit neun Monaten hat sie mit Babyturnen angefangen, sich gesteigert beim Eltern-Kind-Turnen, kam ins Kinderturnen und wollte mit vier Jahren mit Ballett anfangen. Als wir hierhergezogen sind, habe ich nach einer Möglichkeit für rhythmische Sportgymnastik gesucht und wurde erst bei Eintracht Frankfurt fündig. Die wollten ein Probetraining, um sie sichten zu können, das war im letzten August möglich, da ist sie gerade fünf geworden. Von 20 Kindern wurde sie mit zwei anderen Mädchen aus ihrem Jahrgang direkt aufgenommen in den Leistungskader“, erzählt Mutter Christine.
Die Cheftrainerin der Abteilung Rhythmische Sportgymnastik bei der Eintracht ist Aliya Garayeva, Olympiateilnehmerin und Medaillengewinnerin bei Europa- und Weltmeisterschaften. Die Sport-Experten wissen: Um die Leistungen für diesen Sport erfüllen zu können, ist neben Leidenschaft auch Disziplin notwendig, von Anfang an. Für die jungen Mädchen heißt das, dreimal drei Stunden Training in der Woche, davon einmal am Samstag.
Vater Konstantin war zunächst nicht so angetan davon, „aber wenn ich sehe, wie begeistert sie ist und wie viel Spaß ihr das macht, bewerte ich das jetzt anders.“ Mutter Christine ergänzt: „Sie war schon immer sehr aktiv gewesen, ich wusste immer, dass sie ein Bewegungsangebot braucht. An schlechten Tagen, wenn die Kleine mal nicht so gut drauf ist, sage ich ihr, du musst das nicht machen, wir können dich auch abmelden, wenn du nicht mehr willst – dann ist das Geschrei aber groß.“
Pinke Wettkampfträume
Giuliana besucht seit August parallel die Schloss-Schule in Gräfenhausen im Ganztagsunterricht. Das ist schon aufregend genug, doch jetzt brennt sie für die ersten Wettkämpfe Ende November, die bald auf sie zukommen, und für das Einüben der Choreografien. Was ihr am besten gefällt? „Ich mag die Übungen gern, wir haben so Hefte dort, wo die Trainerin Smileys verteilt mit Lächeln, mittel und schlecht, ich hab‘ jetzt ein neues mit vielen Lächel-Gesichtern drinnen“, erzählt sie stolz.
Besonders toll ist es für Giuliana auch, dass für die Wettkämpfe eigens geschneiderte Kürkleider angefertigt werden, passend zur Choreografie und zur Musik. Für kommenden November ist es „Barbie Girl“ geworden – dafür stehen zwei mögliche Anzüge zur Auswahl, natürlich in Pink. Einen ganz anderen und besonderen Anzug kann Giuliana schon vorführen, dieser stammt aus der Zeit, als Christine Triller noch aktiv war – bei Giuliana wirft er angezogen noch ein paar Falten. „Meine Mama hat von ihrer Mama ein Regal, da sind noch mehr Anzüge von ihr, die mir aber noch nicht passen. Da gibt es einen roten, einen weißen, einen mit schwarz-grün…“, erzählt sie aufgeregt.
In diesem Sport aktiv und erfolgreich zu sein, bedeutet, nicht nur Zeit zu investieren, sondern auch Geld. Nicht nur die Kürkleider kosten einiges, auch die Mitgliedschaft und die vielen Geräte von Springseil, Bällen über Reifen zu Band verursachen Kosten. Viele im Ort, die Giuliana schon von ihrer Kita an der alten Schloss-Schule kennen, sind total stolz auf sie und wissen, dass sie schon immer gerne allen ihre Turnübungen vorführen wollte, einfach aus Spaß an der Bewegung. Doch es gibt auch kritische Stimmen, sagt Christine Triller: „Auch meinen Eltern wurde gesagt, das arme Kind hat ja keine Kindheit. Aber wie unsere Trainerin sagt, es ist eine andere Kindheit, mit Beziehungen zu Teamkameradinnen, auch überregional.“
Bei der Eintracht im Leistungssport zu sein, bedeute außerdem nicht, dass sie überhaupt keine Zeit mehr hat. „Sie hat auch hier ihre Freundinnen, die sie besuchen kann, sie hat immer noch Zeit zum Spielen“, ergänzt Konstantin Triller. Jedenfalls drücken alle im Ort Giuliana alle Daumen für ihre ersten Wettkampferfahrungen – als „Barbie Girl“.
