Von links: Elvira Betz, Yvonne Herrchen-Pijnenburg und Mario Derra zusammen mit „Emma“. haza-foto

Alte Dame noch gut in Schuss

Historische Buchdruck-Schnellpresse „Emma“ feiert 125. Geburtstag

Gernsheim (red). Drei Tonnen schwer, 125 Jahre alt – und noch immer druckbereit: Die Buchdruck-Schnellpresse „Emma“ steht derzeit in der Offizin Peter Schöffer im Alten E-Werk in Gernsheim im Mittelpunkt. Zum runden Geburtstag der eisernen Dame wird auf der historischen Maschine ein Veranstaltungsplakat gedruckt. Besucherinnen und Besucher können „Emma“ bei den offenen Ateliers am Samstag und Sonntag, 26. und 27. September, jeweils von 14 bis 18 Uhr in Aktion erleben.

Bereits bei den Tagen der Industriekultur und am Tag des offenen Denkmals wurde die Presse vorgeführt. Dabei konnten Besucherinnen und Besucher erleben, wie Buchdruck vor mehr als einem Jahrhundert funktionierte. Die großen Druckwalzen wurden eingesetzt und eingefärbt, Lettern aus Schriftmetall und Holz sowie ein Holzschnitt in der Presse eingerichtet. Nach einer Einweisung durften Gäste sogar selbst die Handkurbel drehen. Ein Papierbogen verschwand in der Maschine, beim Einlegen des nächsten gab „Emma“ das zuvor bedruckte Plakat wieder frei.

Eine besondere Zeitzeugin war Elvira Betz, Tochter des früheren Besitzers Ludwig Tragesser. Sie hatte einst selbst an „Emma“ gearbeitet und nach dem Zweiten Weltkrieg eine Ausbildung als Anlegerin bei der Setzerei und Druckerei Grimm in Mannheim absolviert. Ihre Erinnerungen gaben den Besucherinnen und Besuchern einen Einblick in den Arbeitsalltag der damaligen Druckereien. Die Hamm-Buchdruck-Schnellpresse stammt laut einem Bericht von Mario Derra aus dem Jahr 1901. Mehr als zwei Jahrzehnte gehörte sie dem Gernsheimer Drucker Ludwig Tragesser. Der 1907 geborene „Schweizerdegen“ – also gelernter Setzer und Drucker – hatte sein Handwerk in Lampertheim erlernt und war anschließend mehrere Jahre auf Wanderschaft. Seine Walz führte ihn unter anderem nach Erfurt, Weimar, Berlin, Düsseldorf und Kassel sowie bis nach Paris.

Mitte der 1950er-Jahre machte sich Tragesser in Gernsheim selbstständig. Während seine Frau Marianne in der Riedstraße ein Geschäft für Schreib- und Tabakwaren führte, betrieb er im Hinterhof seine Druckerei. „Emma“, die Tragesser bei der Firma Gebrüder Ott in Darmstadt erworben hatte, gehörte zum Maschinenpark. Als Tragesser die Presse 1977 abgeben wollte, fand er in dem Künstler Mario Derra einen neuen Besitzer. Derra kannte ihn bereits seit seiner Jugend und hatte von ihm die Grundlagen des Satzes und Druckens gelernt. Beim Besitzerwechsel nahm Tragesser ihn ausdrücklich in die Pflicht, stets gut auf sein „Mädchen“ aufzupassen.

Mit einem Lastwagen wurde die rund drei Tonnen schwere Maschine zunächst nach Bobstadt gebracht. Allein ihr gusseisernes Fundament wiegt knapp eine Tonne. Später zog „Emma“ mit Derra nach Gernsheim ins Alte E-Werk. Mehrfach musste die Presse dafür zerlegt und wieder aufgebaut werden. Heute gehört sie zur historischen Druckwerkstatt der Offizin Peter Schöffer in der Riedstraße 28. Dort erinnert sie nicht nur an ein fast verschwundenes Handwerk. „Emma“ zeigt nach 125 Jahren noch immer, wie es funktioniert.

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