Weiterstadt (red). Rund 75 Gäste kamen zur Informationsveranstaltung über die neue Abflugroute „Cindy S“ kürzlich ins Bürgerhaus Schneppenhausen – viele Plätze im Saal blieben frei. Noch deutlicher werde die Resonanz mit Blick auf die Herkunft der Besuchenden, teilt das Rathaus in einer Pressemitteilung mit: Nur rund 50 Teilnehmende kamen aus Weiterstadt, weitere Gäste reisten unter anderem aus Erzhausen, Messel und Wixhausen an. Allein die beiden besonders im Fokus stehenden Stadtteile Gräfenhausen und Schneppenhausen zählen zusammen 8364 Einwohner.
Anlass für die Veranstaltung war ein Antrag der CDU-Fraktion in der Stadtverordnetenversammlung. Nach der Einführung von „Cindy S“ im vergangenen Sommer hatten die Stadt nach eigener Aussage zunächst auch deutliche kritische Rückmeldungen erreicht. Die Umstellung fiel dabei in eine besondere Phase: sommerliche Gewitterlagen, der Beginn der Ferienzeit mit entsprechendem Flugverkehr und eine hohe Aufmerksamkeit für die angekündigten Veränderungen prägten die ersten Wochen.
Mit der Informationsveranstaltung wollte die Stadt die Diskussion auf eine möglichst breite fachliche Grundlage stellen, heißt es von dort. Regine Barth, Fluglärmschutzbeauftragte des Hessischen Wirtschaftsministeriums, Christoph Brunn vom Nachbarschaftshaus, Paul-Gerhard Weiß von der Fluglärmkommission und Prof. Johann-Dietrich Wörner vom Forum Flughafen und Region erläuterten Hintergründe und erste Erkenntnisse und stellten sich den Fragen Publikums. Bürgermeister Niklas Gehnich nahm wiederholt die Rolle der Bürgerinnen und Bürger ein und trug auch deren Eindrücke vor; Eindrücke die er aus Gesprächen in den vergangenen Monaten gesammelt hatte, so der Rathauschef.
Dabei ging es unter anderem um Flugkorridore, Tiefstartverfahren, nächtliche Flugbewegungen und Lärmmessungen. „Besonders anschaulich zeigte sich an diesem Abend auch, dass das persönliche Hörempfinden und objektiv ermittelte Werte nicht zwangsläufig übereinstimmen müssen. So schilderten Besucher beispielsweise den Eindruck, Flugzeuge seien im Kurvenflug lauter. Auch dieser Frage wurde fachlich nachgegangen. Eine durch den Kurvenflug verursachte erhöhte Schallemission ließ sich nach den vorgestellten Untersuchungen jedoch bislang nicht belegen“, sagt Robin Linnert vom Büro des Bürgermeisters. „Das bedeutet nicht, dass jemand, der einen Überflug als lauter empfindet, mit seiner Wahrnehmung falsch liegt“, betont Gehnich. „Aber wir müssen unterscheiden zwischen dem, was ein Mensch individuell wahrnimmt, und dem, was sich messen und fachlich nachweisen lässt. Genau deshalb war es wichtig, die Experten und die Bürger an einen Tisch zu bringen.“
Wie unterschiedlich die persönlichen Eindrücke ausfallen, zeigte sich auch abseits der öffentlichen Fragerunde. Neben kritischen Stimmen sprachen mehrere Besuchende aus Gräfenhausen den Bürgermeister persönlich an und berichteten, dass es nach ihrem Empfinden seit Einführung von „Cindy S“ leiser geworden sei. Für ein Schmunzeln sorgte dabei die Erklärung einiger Gäste, sie hätten diese positive Erfahrung durchaus gerne öffentlich geschildert, wollten es sich aber nicht unbedingt mit dem unmittelbar daneben sitzenden Nachbarn verscherzen.
Linnert: „Dass sich eine Einschätzung mit zunehmender Erfahrung und neuen Erkenntnissen verändern kann, macht Gehnich auch an seiner eigenen Haltung deutlich.“ Im Bürgermeisterwahlkampf hatte er auf einem seiner Flyer noch ausdrücklich „Cindy S abschaffen“ gefordert. Auch seine persönliche Wahrnehmung der neuen Route sei zu Beginn eine andere gewesen.„Ich habe meine damalige Forderung nicht vergessen. Aber es hält mich auch niemand davon ab, über die Zeit dazuzulernen“, sagt Gehnich. „Wenn sich nach Monaten zusätzliche Erfahrungen, Messwerte und fachliche Erkenntnisse ergeben, muss ich bereit sein, meine ursprüngliche Einschätzung daran zu überprüfen. Für mich gehört genau das zu einem verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema.“
Für Gehnich gehöre laut Stadt auch die geringe Beteiligung der Weiterstädter zur Bewertung des Abends. Gräfenhausen und Schneppenhausen zählen zusammen 8364 Einwohner. Dem standen lediglich rund 50 Besuchende aus ganz Weiterstadt gegenüber – und auch diese hätten keineswegs ausschließlich kritische Positionen vetreten. „Bei einer Informationsveranstaltung über Fluglärm ist eher damit zu rechnen, dass Menschen kommen, die Fragen haben, sich belastet fühlen oder etwas zu beklagen haben, als diejenigen, die mit der Situation zufrieden sind. Wenn bei mehr als 8300 Einwohnern allein in Gräfenhausen und Schneppenhausen nur rund 50 Weiterstädter teilnehmen und darunter zugleich Menschen sind, die von einer Verbesserung berichten, spricht das für mich jedenfalls nicht für eine breite Unzufriedenheit mit Cindy S vor Ort“, zieht Gehnich Bilanz.
Die Sorgen derjenigen, die weiterhin eine Belastung wahrnehmen, müssten dennoch ernstgenommen und die Entwicklung weiter anhand von Messdaten und Rückmeldungen beobachtet werden. Zugleich habe der Abend gezeigt, mit welchem Aufwand die Fluglärmkommission nach einer möglichst verträglichen Verteilung der Belastungen in der Region suche. „Der Frankfurter Flughafen gehört zu unserer Region. Die Nähe zu einem internationalen Drehkreuz ist wirtschaftlich, infrastrukturell und auch für uns persönlich ein gewisses Privileg – aber sie bringt zwangsläufig Belastungen mit sich. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Unsere Aufgabe muss deshalb sein, diese Belastungen so gering wie möglich zu halten und vernünftig zu verteilen“, so Gehnich.
