Weiterstadt (gr). Eigentlich war es wie gewohnt: Beim Schmalfilmwettbewerb im Braunshardter Tännchen bemühen sich zahlreiche ausgewählte Beiträge um den Filmhirsch, und am Ende gewinnt immer Manuel Francescon. Das stimmt im Jubiläumsjahr des Filmfestes Weiterstadt erneut und es stimmt dann doch nicht.
In den letzten Jahren vermochte der Offenbacher Regisseur, Sprachcoach und Schauspieler mit seinen satirischen Beiträgen stets zu reüssieren. Davon konnte man sich im Super 8-Gewinnerprogramm in Kommunalen Kino im letzten Dezember und am Samstag während des Filmfests reichlich überzeugen. Aus Zeitgründen reichte Francescon dieses Mal aber kein neues Werk ein. Doch am Siegerfilm „Erika war keine Schreibmaschine“ war er zumindest als dramaturgischer Berater beteiligt.
Britta Sommermeyer, die Ehefrau von Francescons langjährigem Regiepartner Michael Sommermeyer, blickte in der filmischen „Diashow“ humorvoll auf ihre Familiengeschichte aus verschwiegener NS-Vergangenheit, Eigenarten und kurzen Kalendereinträgen der Tante – ein melancholischer Film über Erinnerung und Verlust. Der Sieg glückte mit lediglich zwei Stimmen Vorsprung zu Stammgast Magnus Irvin. Erneut war der Brite mit einem schrägen, leicht unappetitlichen Beitrag vertreten. In „Toenail Chandelier“ erklärte er, wie man aus abgeschnittenen Zehennägeln einen Kronleuchter basteln kann. Platz drei überzeugte ebenso mit Humor. Der mit seinem kleinen Sohn erschienene Spanier Joaquin Asencio spießte in „Modern Pains“ die digitalen, zeitraubenden Plagen des Alltags auf.
Dank des Super 8-Festivals in Neuchâtel waren Einreichungen aus fünf Ländern zu verzeichnen. Viele der neun Beiträge arbeiteten mit gefundenem Material, wie Stammgast Stefan Möckel bei „Die drei Donnas“. Leider klappte die Einspielung der externen Tonspur nicht in allen Fällen, oder sie fiel asynchron aus. Gegen 1 Uhr nachts ließ Möckel dann in einem kurzen Werk noch Filmhirsch-Bastelmeister Horst Dietz mit einem singenden Hirsch erscheinen.
Am Nachmittag erinnerte das Filmfest-Team mit einem rund fünfstündigem Programm ohne Pause an Höhepunkte der letzten Jahrzehnte. Zeitweise war im Kino kaum noch ein Platz zu finden. Viele Filmschaffende waren angereist, um ihre frühen Arbeiten zu präsentieren. Darunter fanden sich politische Zeitkommentare wie Stephan Große-Grollmanns Experimentalfilm „Die Wende“ von 1983 oder ein Werk, in dem Jochen Pollitt Bilder von Politikerköpfen mit Aufnahmen des Protests gegen die Startbahn-West samt Polizeigewalt kontrastierte.
Im „Weiterstadt“-Block parodierten die Pollitt-Brüder in „Der Autoratgeber“ TV-Magazinsendungen. Moderator Manuel Francescon begeisterte sich, in diesen Beiträgen den Humor des einst bei Schülern beliebten „Mad“-Magazins wiederzufinden. Am besten repräsentiert für ihn „Winter in Weiterstadt“ von 2004 Geist und Gemeinschaftsgefühl des Festivals. Viele Kreative und Teammitglieder kamen von weit angereist, um für den Dreh ein vermeintliches Zwischenfestival zu simulieren. Daneben konnte man neue Arbeiten auf Super8 entdecken. Auf der Leinwand intonierte in „Song for Super8“ der Darmstädter Boogie Man alias Hans Weill: „Super8 die ganze Nacht“ sang das Urgestein dort.
Am Freitag im Zelt traten unter der Moderation von Emm (Martin) Weyrauch wieder vier Dichterinnen und Dichter an, um vier humoristische Filme zu interpretieren. Beim „Film Poetry Slam“ zeigte sich, dass es nicht immer einfach ist, einen witzigen Film noch per Text zu toppen. Hannah Hytrek lieferte zu „One Night in Tokyo“ den poetischsten Beitrag, in dem sie den Weg zur Arbeit hinterfragte. Damit konnte sie beim Publikum allerdings nicht reüssieren. Zur Fake-Reportage „Telekommando“ über eine mächtige Fernbedienung dachte sich Yano Schmitt eine amüsante Fortsetzung aus. Doch im Finale standen sich Jonas Elpelt mit einem „Kochrezept für Liebe“ zu dem auf der Decke gedrehten „Tomatenköpfe“ und Ole Bechtold mit einem Text für „alle, die durchhalten“ zum Film „Sour Death Balls“ gegenüber. Mit seinem „Denkfabrik“-Text als Lob der Kreativität konnte Neurowissenschaftler Elepelt am Ende den Sieg für sich verbuchen.
Der starke Zuspruch im Kommunalen Kino, dem Platz auf dem Braunshardter Tännchen und teils ebenso im Filmzelt, beweist die weiterhin große Beliebtheit des Filmfests. Andreas Heidenreich vom Team schätzt eine Resonanz von 10.000 Filmfans. Bleibt zu hoffen, dass sich ebenso für die nächsten Jahre genügend Helfer finden, um die Fahne des Kurzfilms aufrecht zu erhalten.
